Isidor

Von Benedikt Bögle

Copyright: Diogenes

„Mein Urgroßonkel war ein Dandy. Sein Name war Isidor. Oder Innozenz. Oder Ignaz. Eigentlich aber hieß er Israel.“ Shelly Kupferberg ist bei Diogenes mit „Isidor“ ein genialer Roman gelungen. Sie schildert die Lebensgeschichte – der erste Satz des Buches offenbart es ja bereits – ihres Urgroßonkels Isidor. Er wurde in einer jüdischen Familie in Galizien geboren; das Leben war einfach, die Verhältnisse ärmlich. Nach und nach zog es die Kinder der Familie in die weite Welt, schließlich nach Wien. Dort bauten sie sich alle ein erfolgreiches Leben auf; besonders erfolgreich aber war Isidor. Er studierte Jura, ging in die Wirtschaft, verdiente sich ein angenehmes Vermögen, um das Leben in Wien in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in vollen Zügen genießen zu können. Shelly Kupferberg schildert von Anfang an ein jüdisches Leben, das sich immer ein wenig verstecken muss, um nicht gesellschaftlich geächtet zu werden. Trotz einer großen jüdischen Gemeinde in Wien greift der Antisemitismus um sich. Isidor aber wähnt sich in Sicherheit: Er hat Karriere gemacht, er hat Kontakte. Und so ergreift er auch nicht die Flucht, bevor die Nazis nach Österreich einmarschieren. Isidor unterschätzt die Gefahren, das Ausmaß der nationalsozialistischen Verblendung. Isidor wird schließlich einige Monate verhaftet und so schlimm verletzt, dass er sich auch in der Freiheit nicht mehr erholen kann und stirbt.

Shelly Kupferberg schildert eindrücklich ein jüdisches Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie zeigt den großen Erfolg der Familie auf, schildert in beeindruckender Sprache das angenehme Wiener Leben. Und gleichzeitig spürt man als Leser die Gefahren wachsen. „Isidor“ zeigt, wie der jüdischen Familie die Heimat mit aller Gewalt entrissen wird. „Isidor“ ist dabei mehr als ein historischer Bericht; Shelly Kupferberg hat sich in einer beeindruckenden Sprache auf die Suche nach ihrem Urgroßonkel gemacht. Ein beeindruckendes Buch!

Shelly Kupferberg: Isidor
Diogenes 2022, 24 EUR

Strafrecht: Revision

Von Benedikt Bögle

Copyright: C.F. Müller

Im Zweiten Staatsexamen kommt die strafrechtliche Revision immer wieder in Prüfungsaufgaben vor. An Ausbildungsliteratur hierzu fehlt es nicht, besonders empfehlenswert ist allerdings „Die Revision in der strafrechtlichen Assessorklausur“ von Marc Russack (C.F. Müller, 14. Aufl. 2021). Ein großer Vorteil des Bandes: Russack wertet seit Jahres systematisch zumindest die in NRW gestellten Klausuren aus. Er hat auf diese Weise einen großartigen Überblick über das, was wirklich geprüft wird. „Ein Mehr an Aktualität ist in Buchform nicht zu erreichen“, schreibt Russack im Vorwort. Man wird ihm beipflichten dürfen. Dabei überzeugt der Band durch einen klaren Aufbau, den größten Teil nimmt die Begründetheit der Revision ein. Hier bespricht Russack zunächst die Verfahrensfehler, sodann die fehlerhafte Anwendung materiellen Rechts. Durchgängig zitiert der Autor aus den zugelassenen Kommentaren, was eine direkte Nacharbeit ermöglicht. Besonders gelungen: Immer wieder gibt Russack Beispiele echter Examensklausuren und zeigt auf diese Weise unmittelbar, wie ein bestimmtes (abstraktes) Problem tatsächlich Gegenstand einer Klausur werden kann. Dabei kommen in seiner Darstellung auch Verstöße gegen Vorschriften aus dem GVG mehr vor als man dies aus anderen Darstellungen kennt. Marc Russack geht in seinem Band davon aus, dass im Examen hauptsächlich ein Gutachten zu den Erfolgsaussichten einer Revision Gegenstand der Prüfung ist. Der bayerische Leser sollte bedenken, dass in Bayern praktisch ausschließlich die Revisionsbegründungsschrift abgeprüft wird. Darauf weist Marc Russack anfangs auch hin; bemängeln kann man diese Beschränkung angesichts der Gepflogenheiten in 15 anderen Bundesländern sicher nicht. Dieses Buch eignet sich damit sehr gut für die Prüfungsvorbereitung.

Marc Russack: Die Revision in der strafrechtlichen Assessorklausur
C.F. Müller, 14. Aufl. 2021, 183 Seiten, EUR 23

Leon: Ein Leben in Geschichten

Von Benedikt Bögle

Copyright: Diogenes

Donna Leons Kriminalromane um den venezianischen Commissario Brunetti fesseln ein großes Publikum. Die Autorin ist eigentlich gebürtige Amerikanerin, schreibt aber über das Leben in Venedig derart anschaulich, dass sich viele Leser auch über die Romane in die Lagunenstadt verlieben. Von Donna Leon ist nun eine Sammlung autobiographischer Essays erschienen: „Ein Leben in Geschichten“ (Diogenes 2022). Der Band folgt einem gewissen autobiographischen Aufbau, wenn er mit der Kindheit in den USA beginnt und dem Leben am aktuellen Wohnsitz Leons in der Schweiz endet. Und gleichzeitig ist „Ein Leben in Geschichten“ sicher keine klassische Autobiographie, die alle wesentlichen Lebensstationen erschöpfend behandelt. Vielmehr reihen sich in diesem Band mehrere eher kurze Essays aneinander, die Stationen aus dem Leben von Donna Leon zum Gegenstand haben. Die Autorin schreibt über die Kindheit auf einer amerikanischen Farm, über ihr Elternhaus, die kulinarischen Künste ihrer Mutter. Es folgen Aufenthalte im Ausland, als Donna Leon Englisch im Iran, dann in Saudi-Arabien unterrichtete. Sie zeichnet ein spannendes und abwechslungsreiches Leben und offenbart dabei einen tiefen Sinn für Humor.

Natürlich schreibt Donna Leon auch über das Leben in Venedig: Bildreich und witzig beschreibt sie ältere Damen, die es beim Einkauf immer schaffen, die Warteschlange zu überlisten. Ernster geht sie auch das Statik-Problem an, das die vielen Kreuzfahrtschiffe nach Venedig gebracht haben. In den Schweizer Bergen hat Donna Leon nun eine Heimat gefunden und botanische Fähigkeiten erworben. „Doch leider hat die Vorstellung, mich endgültig an einem Ort niederzulassen und nur noch eine Sache zu tun oder – schlimmer – gar nichts mehr zu tun, keinen Reiz für mich“, schreibt Donna Leon im Vorwort des Bandes. Der Leser darf sich darüber freuen, beschert diese Einstellung doch zunächst den Essayband, auf lange Sicht aber wohl auch weitere Fälle für Commissario Brunetti.

Donna Leon: Ein Leben in Geschichten
Diogenes 2022, 191 Seiten, EUR 22

Von Donna Leon sind bei Diogenes unter anderem auch erschienen:

Heimliche Versuchung
Milde Gaben
Flüchtiges Begehren
Geheime Quellen

Assessorexamen im Öffentlichen Recht

Von Benedikt Bögle

Copyright: C.F. Müller

Eine Vorbereitung auf das Zweite Staatsexamen im öffentlichen Recht bietet der Band „Assessorexamen im Öffentlichen Recht“ von Gerhard Bülter, Anke Eggert und Sarah Peick. Die Autoren – allesamt Richter am VG Münster – bieten am Beginn des Bandes eine sehr gute Darstellung des Prozessrechts. Die verschiedenen Klagearten werden sowohl der Zulässigkeit nach als auch der Begründetet übersichtlich und verständlich dargestellt. Positiv: Die Fußnoten stammen zu einem großen Teil aus dem im Zweiten Staatsexamen zugelassenen Kommentar von Kopp/Schenke und ermöglichen so eine direkte Nacharbeit im Kommentar. Neben zahlreichen Beispielen bieten die Autoren hier auch eingängige Aufbauschemata und stellen so auf 260 Seiten die gerichtliche Klausur sehr umfassend und verständlich dar. In den folgenden beiden Teilen gehen die Autoren dann auf die Anwaltsklausur und auf die Behördenklausur ein. Dabei konzentrieren sich die Darstellungen zur Anwaltsklausur vor allem auf Fragen der Zweckmäßigkeit; das ist grundsätzlich wichtig, die Darstellung zu begrüßen – sie hätte aber gleichwohl an dieser Stelle etwas komprimierter ausfallen können. Im Kapitel zur Behördenklausur werden sodann auch wichtige Themen aus dem Verwaltungsverfahren und dem VwVfG dargestellt: Man hätte es sich hier eher gewünscht, in einem komprimierten Kapitel auf einen Blick die verschiedenen materiell-rechtlichen Fragen dargestellt zu sehen, die ja nicht nur in der Behördenklausur von Bedeutung sind, sondern auch in allen anderen Klausurtypen. Insgesamt kann dieser Band daher in der ersten Hälfte sehr überzeugen. In der zweiten Hälfte hätte man sich etwas mehr Konzentration und eine einheitlichere Darstellung des Verfahrensrechtes gewünscht.

Gerhard Bülter, Anke Eggert und Sarah Peick: Assessorexamen im Öffentlichen Recht
C.F. Müller, 2. Aufl. 2021, 557 Seiten, EUR 42

Urmensch aus dem Allgäu

Von Benedikt Bögle

Copyright: Ullstein

Kommissar Kluftinger hat eine große Aufgabe: Er soll den Bayerischen Ministerpräsidenten bei seinem Besuch im Allgäu begrüßen. Der Politiker besichtigt eine Ausgrabungsstätte in Pforzen, wo mutmaßlich Gebeine des ältesten, aufrecht gehenden Menschen gefunden wurden. Nur: Just der Ministerpräsident entdeckt in der Ausgrabungsgrube eine doch eher frische Leiche. Irgendjemand hat den Ausgrabungsleiter ermordet und inmitten seines früheren Tätigkeitsbereiches hinterlassen. Kluftingers Team muss sich mit Hochdruck auf die Spuren des Täters heften – mitten in den heißesten Tagen des Jahres. Verdächtige gibt es genug: Wissenschaftliche Konkurrenten, einen übellaunigen Bauunternehmer, aber auch eine seltsame Sekte. Die lebt direkt neben der Ausgrabungsstätte und scheint in Konflikt mit den Wissenschaftlern geraten zu sein.

„Affenhitze“ ist der neue Krimi von Klüpfel und Kobr. Kluftinger ermittelt in bekannter Manier gemeinsam mit seinem Team. Wie schon in den letzten Bänden der Reihe können Klüpfel und Kobr mit ihrer Geschichte überzeugen: Der Plot ist wohl durchdacht, ständige Wendungen im Fall, immer neue Verdächtige machen diesen Krimi an keiner Stelle langweilig. Tatsächlich überrascht der wahre Täter am Ende dann auch. Im Übrigen ist die Story letztlich ja immer die gleiche: Der behäbige und faule Kluftinger kommt in der modernen Welt nicht zurecht, ist tollpatschig und griesgrämig zu seinen Kollegen. Genervt wird er nicht nur von Richard Maier, einem überkorrekten Kollegen, sondern auch seinem Hausarzt, der noch immer denkt, die beiden wäre Freunde. Klüpfel und Kobr haben in „Affenhitze“ ihre Charaktere nicht weiterentwickelt, sie werden es wohl auch in Zukunft nicht tun. Das macht aber gar nicht so viel: „Affenhitze“ ist dennoch spannend und unterhaltsam.

Klüpfel / Kobr: Affenhitze
Ullstein 2022, 554 Seiten, EUR 24,99

Französisches Roulette

Von Benedikt Bögle

Copyright: Diogenes

Bruno, Chef de police in St.-Denis, merkt schnell, dass irgendetwas hier nicht mit rechten Dingen zugehen kann: Ein alter Landwirt hat seine beiden Kinder enterbt und alles einem Altenheim vermacht. Dafür sollte er einmal in das luxuriöse Altenheim ziehen dürfen, das so gar nicht zu dem einfachen Bauern passen mag – und das er sich niemals hätte leisten können. Nur kurz, nachdem da Testament geändert wurde, verstirbt der Bauer unter mysteriösen Umständen. Bruno beginnt zu ermitteln und landet bald in einem weiten Netzwerk krimineller Machenschaften. Russische Oligarchen operieren von Malta oder Zypern aus – Staaten, die immer wieder dem Vorwurf ausgesetzt sind, ihre europäische Staatsbürgerschaft gegen Geld zu verkaufen. Bruno dringt immer tiefer in die Machenschaften eines mächtigen russischen Mannes ein, der über gewaltige Reichtümer verfügt, die er wohl nicht immer auf legalem Wege erworben zu haben scheint.

„Französisches Roulette“ ist der dreizehnte Fall für Bruno, Chef de police. Martin Walker hat auch mit diesem Roman einen spannenden Plot aufgebaut. Lediglich am Ende hätte man sich etwas mehr Aufklärung gewünscht; der Fall wird immer komplizierter und auch als Leser blickt man irgendwann nicht mehr ganz durch: Warum musste wer nun eigentlich genau auf wessen Geheiß sterben? Gleichzeitig schafft Martin Walker es einmal mehr, nicht nur die kriminellen Machenschaften, sondern auch das Leben im Perigord wortreich zu schildern. Bruno führt ein Leben im Einklang mit der Natur; die Ermittlungen laufen beinahe nebenher, während der Polizist Gäste empfängt, Feste feiert, Konzerte organisiert. Ein Lesegenuss.

Martin Walker: Französisches Roulette
Diogenes 2022, 392 Seiten, EUR 13

Tote Mumien in Wien

Von Benedikt Bögle

Copyright: Ullstein

1894: In Wien wird im Museum ein makabrer Fund gemacht. Ein angesehener Ägyptologe liegt mumifiziert im Museum. Eigentlich sollte er sich auf einer Forschungsreise in Ägypten befinden – es bleibt ein Rätsel, wie der Wissenschaftler mumifiziert in Wien landen konnte. Der junge Polizist Leopold von Herzfeldt beginnt, zu ermitteln. Bald findet er heraus, dass der tote Professor nicht der einzige Teilnehmer einer Ägypten-Expedition ist, der unter seltsamen Umständen zu Tode kam. Die ersten beginnen, an einen Fluch der Mumien zu glauben. Nicht so von Herzfeldt: Er beginnt gemeinsam mit dem etwas verschrobenen, aber liebenswerten Totengräber Augustin Rothmayer und mit seiner Freundin Julia Wolf zu ermitteln. Bald aber wird von Herzfeld von dem Fall abgezogen: Ein „Phantom“ geht in Wien um und tötet junge Männer. Könnten die beiden Fälle etwas gemein haben?

„Das Mädchen und der Totengräber“ ist der zweite Band einer Reihe um Leopold von Herzfeldt, Julia Wolf und Augustin Rothmayer. Wie schon der erste Band – „Das Buch des Totengräbers“ – kann der Autor Oliver Pötzsch mit einer spannenden Geschichte aufwarten. Der Krimi ist gut recherchiert und zeichnet ein gleichzeitig fröhliches wie tristes Bild der Stadt Wien um die Wende zwischen dem 19. und dem 20. Jahrhundert: Unermesslicher Reichtum und die Annehmlichkeiten einer modernen Welt prallen auf Armut und soziale Brennpunkte. Seine Charaktere zeichnet Pötzsch ebenfalls gelungen. Weitere Teile der Reihe sind bereits angekündigt.

Oliver Pötzsch: Das Mädchen und der Totengräber
Ullstein 2022, 494 Seiten, EUR 16,99

Milde Gaben

Von Benedikt Bögle

Copyright: Diogenes

Eine alte Bekannte sucht Commissario Brunetti auf: In seiner Kindheit hatte er im selben Haus wie Elisabetta gewohnt und das ältere Mädchen bewundert. Jetzt besucht sie ihn, weil sie sich Sorgen macht: Ihr Schwiegersohn scheint berufliche Probleme zu haben. Es wirkt, als würde es die Ehe ihrer Tochter belasten und Elisabetta bittet Brunetti um Hilfe. Er soll doch ein wenig ermitteln; vielleicht stößt er auf das Problem, vielleicht kann er die Sorgen aber auch zerstreuen. Brunetti willigt ein; weniger, weil ihn der Fall interessiert oder er Elisabetta einen Gefallen schuldet. Vielmehr geht es um Elisabettas Mutter, die seinerzeit zu Brunettis Mutter ausgebrochen nett war. Also beginnt der Commissario zu ermitteln, flankiert wie immer von Signora Elettra, Vianello und der Kollegin Griffoni. Die Ermittlungen verlaufen schleppend, bis Brunetti auf eine Stiftung stößt. Gegründet wurde sie – just – von Elisabeths Ehemann. Der verdächtige Schwiegersohn war als Steuerberater beratend tätig. Als dann die Tierarztpraxis von Elisabettas Tochter zerstört wird, nimmt der Fall endgültig an Fahrt auf.

Donna Leons „Milde Gaben“ kann nicht überzeugen. In der ersten Hälfte dümpelt der Roman nur so vor sich hin. Der Inhalt: Vorhersehbar. Brunetti schuldet irgendjemandem aus irgendwelchen Gründen irgendetwas. Zur Aufklärung des Falles bedienen er uns seine Gehilfen sich wiederum irgendwelcher Leute, die ihnen irgendetwas schulden. Bald wird deutlich, dass es um die – mittlerweile ebenfalls unvermeidlichen – Steuerstraftaten geht. Dabei hätte der Roman viel mehr Potenzial! Leon schneidet gewichtige Themen hat. Sie schreibt über Eifersucht und Demenz. Am Ende dieses Buches wirkt es so, als hätte die Autorin den falschen Schwerpunkt gesetzt. Wunderbare Charakterstudien wären hier zwar angelegt, werden am Ende aber nur noch schnell und kurz angeschnitten, statt den wirklichen Schwerpunkt des Buches zu bilden. Würde der Krimi am Anfang schneller an Fahrt aufnehmen, hätte das Ende ausgebaut werden können – und das hätte dem Buch der im Übrigen grandiosen Erzählerin wirklich gutgetan.

Donna Leon: Milde Gaben
Diogenes 2022, 344 Seiten, EUR 25

Formulare für Referendare

Von Benedikt Bögle

In dritter Auflage ist bei Nomos das von Gerhold, Hoefer, Ingwersen-Stück und Schulz herausgegeben Formularhandbuch „Formulare für Referendare“ erschienen. Wie andere Angebote auf dem Markt auch, bietet es die wichtigsten Formulare im Zivil-, Straf- und Verwaltungsverfahren. Für Referendare kann es damit einerseits eine Hilfe in den praktischen Stationen sein, andererseits die theoretische Vorbereitung auf das Zweite Staatsexamen begleiten. Zunächst fällt bei diesem Band auf, dass er sehr viele einzelne Formulare enthält: Insgesamt 153 Formulare. Zum Vergleich: der in Bayern maßgebliche Formularband von Kroiß und Neurater umfasst lediglich 62 Formulare. Der hier vorliegende Band versucht sich zudem an einer Kombination von Formular und Erläuterung. Jede Seite ist in zwei Spalten aufgeteilt: Links findet sich das Formular, rechts die Erläuterungen. Verbunden mit einem relativ kleinen Druck führt das aber leider zur völligen Unübersichtlichkeit von vier kleingedruckten Spalten pro Doppelseite. Dieses Formularbuch erschließt nichts auf einen ersten Blick – gerade das wäre aber der Vorteil eines Bandes, der ja nicht das Rechts als solches vermitteln sollte, sondern nur einen groben Überblick über die üblichen Schemata gibt.

Copyright: Nomos

Überdies bietet der Band stellenweise einen bestimmten Aufbau, der in einigen Bundesländern absolut unüblich ist. Ein Beispiel: In Bayern gliedert sich die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft so, dass zunächst der Sachverhalt dargestellt wird („Die Staatsanwaltschaft legt dem Angeschuldigten den folgenden Sachervhalt zur Last“), anschließend werden die Merkmale der verwirklichten Straftatbestände dargestellt, schließlich die Bezeichnung der Straftaten samt Normzitat angegeben. Muster 75 des vorliegenden Bandes bietet eine Anklageschrift, die zunächst die gesetzlichen Merkmale der verwirklichten Straftatbestände aufführt, dann den Sachverhalt, am Ende dann die Angabe der Straftatbestände samt Normen. Nun ist klar, dass nicht für jedes Bundesland der übliche Aufbau geboten werden kann – sicher. Das sehen die Autoren auch im Vorwort, wenn sie schreiben: „Ziel dieses Werkes war es nicht, alle denkbaren und regional differierenden Aufbau- und Darstellungsmöglichkeiten aufzuzeigen“. Eine kleine Anmerkung verweist darauf, dass es in Süddeutschland differierende Aufbauweisen gibt und verweist dann auf weitere Literatur. Zum Vergleich: Weichen Aufbausysteme grundlegend voneinander ab, bietet das „Konkurrenzwerk“ von Kroiß und Neurauter ein Beispiel. Der im vorliegenden Werk vorgenommene Hinweis auf weiterführende Literatur dürfte im wesentlichen fehlgehen: Ein Formularbuch nutzt man ja grundsätzlich der Übersichtlichkeit halber, weil ein Band alles verbinden soll – und nicht, um dann noch weitere Literatur heranzuziehen. Ähnlich liegt es beim Zivilurteil: Auch hier ist es in Süddeutschland eher üblich, in der Überschrift nicht „Urteil“ zu schreiben, sondern am Ende des Rubrums zu enden mit: „erlässt das Landgericht (…) folgendes Endurteil“. Auch das ist nicht eigens angegeben.

Zusammenfassend: Der große Vorteil dieses Bandes ist die hohe Zahl der angebotenen Muster und Formulare. Der Nachteil besteht in einer starken Unübersichtlichkeit – auch, weil verschiedene Muster nicht großzügig voneinander getrennt sind, sondern fast nahtlos ineinander übergehen. Ebenfalls scheint es mir, als würde sich dieser Band zumindest für den süddeutschen Raum nicht anzubieten.

Gerhold, Hoefer, Ingwersen-Stück und Schulz: Formulare für Rechtsrefendare
Nomos, 3. Aufl. 2022, 148 Seiten, EUR 24,90

Die Passion Christi

Von Benedikt Bögle

Copyright: Diogenes

Die Passion Christi beschäftigt die Menschheit seit zweitausend Jahren. Nicht nur der Glaube beschäftigt sich mit dem Leiden des Mannes aus Nazareth, sondern auch die Kunst, die Musik und die Literatur. Einen neuen Baustein zu dieser langen Geschichte liefert nun die Schriftstellerin Amélie Nothomb: „Die Passion“ ist bei Diogenes erschienen. Erzählerisch stellt sich die Autorin ein Selbstgespräch Jesu während seines Leidens vor: Von der Gefangenschaft bis zum Tod am Kreuz und einer eher nur angedeuteten Auferstehung. Diese Erzählung – sprachlich durchweg gelungen – birgt spannende Elemente. So entwirft Nothomb etwa den Gedanken, Jesu habe gewusst, was mit ihm geschehen werden, aber nicht wie es geschehen werde. Er wusste von seiner Hinrichtung, nicht aber, dass diese am Kreuz erfolgen würde. Das scheint ein theologisch nicht uninteressanter Beitrag zu der Frage zu sein, wie in Jesus – wahrer Mensch und wahrer Gott – menschlicher und göttlicher Wille, menschliches und göttliches Wissen zusammengedacht werden können.

Andere Elemente sind wenig originell. Natürlich muss Jesus eine Liebesbeziehung zu Maria Magdalena unterstellt werden. Spätestens seit „Sakrileg“ ist das weder originell noch spannend noch interessant – und trotzdem wird diese Behauptung immer wieder aufs Neue aufgegriffen, wohl, um zu jedem Preis modern zu wirken. Schade ebenfalls, dass die Auferstehung am Ende nur angerissen wird. Diese Gedanken hätten gerne noch weiter aufgegriffen werden können. So beliebt ein durchaus lesenswerter knapper Band, der in Teilen neue Aspekte des Leidens Jesu beleuchten kann, in Teilen wenig neu erscheint.

Amélie Nothomb: Die Passion
Diogenes 2022, 124 Seiten, EUR 12