Kommt der Messias noch?

Von Benedikt Bögle

Der Mensch sehnt sich nach Heil und nach Erlösung. Gerade angesichts einer kriegerischen und gewaltsamen Welt stellen wir uns die Frage: War es das schon? Ist das Ziel der Welt Tod und Grausamkeit und Ungerechtigkeit? Judentum und Christentum können auf diese Frage mit ihrer Hoffnung auf den Messias antworten – der in beiden Religion freilich unterschiedlich gedeutet wird. Bei Herder ist nun ein Sammelband der jüdischen Theologie erschienen, der einen auf den ersten Blick ernüchternden Titel erhalten hat: „Der Messias kommt nicht. Abschied vom jüdischen Erlöser“. Die Hoffnung auf einen Messias, so schreibt Walter Homolka in seinem Vorwort, „stieg in Zeiten des nationalen Unglücks, etwa nach der Zerstörung des Tempels in Jerusalem durch die Römer im Jahr 70 u.Z.“.

Das Buch besteht im Wesentlichen aus drei großen Kapiteln: Juni Hoppe schreibt über die Messiasvorstellungen im antiken Judentum, Daniel Krochmalnik über den Messias im rabbinischen Judentum, Walter Homolka schließlich über die Neuzeit bis hin zur Gegenwart. Den Band durchzieht dabei ein tiefes Verständnis dafür, dass sich Messiasvorstellungen einerseits gewandelt haben, andererseits immer schon vielfältig waren: Der Messias konnte etwa in der Antike als eher priesterlicher, aber auch als kriegerische Gestalt verstanden werden. Gleichfalls konnte vom Messias erwartet werden, er würde frühere (politische) Zustände wiederherstellen oder aber einen bisher noch nicht gekannten utopischen Zustand bringen. Der Titel – „Der Messias kommt nicht“ – kann daher in doppelter Weise verstanden werden: Einerseits gab es immer wieder Menschen, die als Messias auftraten oder das baldige Kommen des Messias ankündigten – zu Unrecht. Andererseits entwickelt sich im Judentum allerdings eine Vorstellung, dass unter dem Messias vielleicht keine bestimmte Person, sondern eher ein (eschatologischer) Zustand zu verstehen sei.

Der katholische Theologe Magnus Striet hat ein Nachwort verfasst, was den Band auch zu einem Beitrag des jüdisch-christlichen Dialogs macht. Dabei stellt Striet heraus, dass das Bekenntnis zu Jesus Christus als dem Messias ein trennendes Element zwischen Judentum und Christentum darstellt, wenngleich dies den Blick auf das Verbindende nicht verstellen darf. Ob Jesus seinen Tod wirklich nicht wollte – das wird man mit einem kleinen Fragezeichen versehen dürfen, stellt aber eher ein Problem christlicher Theologie dar.

Alles in Allem ist dieser Band sehr gelungen, weil die drei großen Kapitel einen sehr guten, knappen, aber mehr als fundierten Überblick über die Entwicklung jüdischer Messiastheologie geben.  

Walter Homolka / Juni Hoppe / Daniel Krochmalnik: Der Messias kommt nicht. Abschied vom jüdischen Erlöser
Herder 2022, 272 Seiten, EUR 24

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Zwei Märchen von Hoffmann

Von Benedikt Bögle

Zwei Kunstmärchen von E.T.A. Hoffmann wurden im Verlag Herder nacherzählt und in einem sehr gelungen kleinen Band veröffentlich: Das erste Märchen –  „Die Königsbraut“ – entführt den Leser in ein magisches Reich: Ein Gemüsekönig, ein kleiner, hässlicher Gnom, hat sich ein junges Mädchen als Braut ausersehen; er täuscht das Mädchen über seine wahre Identität, tyrannisiert aber in Wahrheit sie und ihren Vater. Während die junge Frau zunächst denkt, eine herrliche Königin zu werden, nähert sie sich schon äußerlich immer mehr dem kleinen Gnom an, verliert immer mehr an Schönheit. Der Vater, der als eine Art Magier oder Zauberer erscheint, nimmt schließlich den Kampf mit dem Gemüsegnom auf und wirft letztlich ihn und seine Gemüsesoldaten aus seinem Haus.

Das zweite Märchen – „Das fremde Kind“ – hat ähnliche Züge: Zwei Geschwister spielen gerne im Wald und treffen dort auf ein „fremdes Kind“, ein feenartiges Wesen, das vor Licht glänzt. Eines Tages wird ihnen ein sehr unsympathischer Hauslehrer geschickt – der sich just am Ende ebenfalls als Gnom herausstellt, der sich lediglich verkleidet hat. Das fremde Kind wird zu einem lebenslangen Begleiter der beiden Geschwister. Auch hier siegt letztlich das Licht über die dunklen Gestalten.

Die beiden Märchen wurden von Sophie Reyer nacherzählt. Begleitet sind die Erzählungen von sehr schönen, dezenten Zeichnungen von Poul Dohle. Nora Gomringer hat das Vorwort zu dem kleinen Band besorgt. Über die Märchen schreibt sie: „Es gibt an Liebe keinen Mangel und auch nicht an Exzentrik“ – wie wahr! Ein sehr schöner Band.

E.T.A. Hoffmann: Die Königsbraut / Das fremde Kind. Erzählt von Sophie Reyer, illustriert von Poul Dohle
Herder 2022, 109 Seiten, EUR 16

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Diogenes: Die Bibel

Von Benedikt Bögle

Wer Auszüge aus der Heiligen Schrift als „Florilegium“ veröffentlicht, begibt sich immer in eine Gefahr: Die Bücher der Bibel sind über Jahrhunderte entstanden; ebenfalls über Jahrhunderte bildete sich ein fester Kanon heraus, der festlegt, welche Bücher in welcher Reihenfolge zur Bibel gehören sollen. Die Bibel bildet so eine Einheit; sie ist nicht nur eine Bibliothek verschiedener Bücher, aus denen man sich bedienen kann. Gleichzeitig kann man natürlich Verständnis aufbringen für das Projekt, einzelne Texte der Heiligen Schrift herauszunehmen und zu veröffentlichen – etwa besonders wichtige, wirkmächtige oder auch schöne Texte. Diese Projekte sind mal mehr, mal weniger gelungen. Ein leider besonders schlechtes Beispiel für einen Auszug aus der Heiligen Schrift bietet ein bei Diogenes erschienener Band: „Die Bibel. Eine Auswahl der schönsten Geschichten und Dichtungen in der Übertragung von Martin Luther“.

Zusammengestellt wurde diese Auswahl von Daniel Keel. Leider begründen weder ein Vorwort noch ein Nachwort noch eine auch nur knappe editorische Notiz, nach welchen Kriterien diese Auswahl erfolgte. Man kann also nur annehmen, dass es sich einfach um Texte handelt, die Daniel Keel – aus welchem Grunde auch immer – für versammlungswürdig gehalten hat. Dazu gehören die Bücher Genesis und Exodus, die Geschichte von König David, Hiob, von einigen Propheten, schließlich die Dichtungen Salomos, einige Psalmen und das Matthäusevangelium. Sicher, jede Auswahl ist subjektiv und muss das auch sein. Aber passt es wirklich, einfach nur ein Evangelium herauszupicken – und aus dem Neuen Testament die ganze Apostelgeschichte, die komplette Briefliteratur und die Offenbarung des Johannes zu tilgen? Wäre nicht auch aus Levitikus, Numeri und Deuteronomium, aus den frühen Geschichtsbüchern irgendetwas von Bedeutung zu bieten gewesen?

Am weitaus schwersten wiegt aber, dass die Fundstellen der biblischen Bücher einfach nicht angegeben sind. Das erste Kapitel lautet: „Die Geschichte von der Erschaffung der Welt“, gemeint ist das Buch Genesis. Hätte man nicht angeben können, dass der Text dem Buch Genesis entnommen ist? Hätte man nicht wenigstens die Kapitelangaben bieten können? Hätte man dem Leser nicht wenigstens sagen können, ob das Buch Genesis zur Gänze abgedruckt wurde oder in Auszügen? So liegt es mit ausnahmslos allen Texten; nur bei den Psalmen wird die jeweilige Nummer angegeben. Am schwersten wiegt das bei dem Abschnitt zu den Propheten. Dieser ist aus mehreren biblischen Büchern zusammengewürfelt – aus welchen Büchern und welchen Kapiteln bleibt dem Leser aber ein Rätsel.

So geht man mit der Bibel nicht um – ebenso wie man mit anderen Texten der Weltliteratur so nicht umgehen würde. Auch bei einem Florilegium der schönsten Texte Homers oder Goethes oder der antiken Dichtung oder des Sturm und Drang dürfte man als Leser erwarten, dass angegeben wird, woher die Texte stammen. Der Band hat das Ansinnen, die Bibel auch als ein Stück Weltliteratur zu zeigen; das ist ja auch lobenswert. Dann aber hätte man die Bibel auch als Literatur mit Fundstellen, Kontext und wenigstens einer editorischen Notiz behandeln müssen.  

Die Bibel. Eine Auswahl der schönsten Geschichten und Dichtungen in der Übertragung von Martin Luther
Diogenes 2022, 568 Seiten, EUR 14
Copyright des Bildes: Diogenes

Literarischer Kommentar zum Grundgesetz

Von Benedikt Bögle

Kommentare sind für Juristen ein unverzichtbares Arbeitsmittel. Sie erklären Gesetze – Paragraph für Paragraph. Sie definieren Begriffe, fassen die Rechtsprechung zusammen, bieten eine Anleitung für die tägliche Arbeit. Literarisch hochwertig sind diese Ausführungen meistens nicht, eher funktional und knapp. Umso spannender erscheint ein bei C.H. Beck erschienenes Projekt: Georg M. Oswald hat dort einen „literarischen Kommentar“ zum Grundgesetz herausgegeben. Das Ansinnen ist interessant: Das Grundgesetz ist ja der Boden unserer Rechtsordnung, auf dem sich nicht nur das Leben der Juristen entfaltet, sondern eben auch das gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle, politische und religiöse Wertegefüge unseres Landes.

Schon im Vorwort stellt Oswald heraus: Der Begriff des „literarischen“ Kommentars ist weit gefasst. Gemeint ist nicht nur das Stilmittel des Dichterischen; vielmehr sammelt der Band Essays zum Grundgesetz. Das geschieht in der Form eines Kommentares: Nach der jeweiligen Vorschrift der Verfassung folgt der jeweilige Essay. Dabei wurde das Grundgesetz nicht in Gänze kommentiert – und das ist verständlich. Die Gesetzgebungskompetenzen im Einzelnen oder auch die Haushaltsvorschriften dürften als eher trocken gelten und sind nicht geeignet, in ihrer Breite literarischen Kommentaren zugeführt zu werden. Natürlich drängen sich die Essays dabei vor allem um die Grundrechte.

Die Gruppe der Autoren besteht dann aber doch zu einem großen Teil aus Juristen – wenngleich nicht ausschließlich. Einzelne Essays stechen dabei als besonders gelungen hervor; so etwa Herta Müllers biographische Skizze zum Leben in der Diktatur, die als Kommentar zur in Art. 1 des Grundgesetzes festgeschriebenen Menschenwürde dient. Die Herangehensweise ist im Übrigen sehr unterschiedlich. Die Gleichstellung von Mann und Frau etwa kommentiert Patrick Bahners mit einem Blick auf das Verfahren zur entsprechenden Verfassungsänderung, die Rolle des Bundespräsidenten reflektiert Hans Pleschinski mit Anmerkungen zu den bisherigen Bundespräsidenten.

Einige der Texte können voll überzeugen – andere scheinen ein wenig in der Luft zu hängen. Viele der Autoren nähern sich mit dem Stilmittel des Essays der Materie, scheinen aber für eine wirklich sorgfältige Ausdifferenzierung ihrer Gedankengänge zu wenig Platz gehabt zu haben. Auch ist der Kommentar in der Gesamtschau kein „literarischer“, wie schon das Vorwort koinzidiert. Es handelt sich tatsächlich eher um eine Essaysammlung. Das Projekt ist spannend, einzelne Texte sehr gut, andere fallen dagegen etwas ab. Alles in allem handelt es sich aber um einen interessanten Beitrag zur deutschen Verfassungsgeschichte, der auch dazu dienen mag, das Grundgesetz als das zu sehen, was es ist: Kein Besitztum der Juristen, sondern Grundlage des freiheitlichen und demokratischen Rechtsstaates.

Georg M. Oswald (Hg.): Das Grundgesetz. Ein literarischer Kommentar
C.H. Beck 2022, 381 Seiten, EUR 26
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„Der Dienstbetrieb ist nicht gestört“

Von Benedikt Bögle

„Hört infolge eines Krieges oder eines anderen Ereignisses die Tätigkeit des Gerichts auf, so wird für die Dauer dieses Zustandes das Verfahren unterbrochen.“ Diese Vorschrift – § 245 ZPO – dürfte zu den eher unbekannten Normen des Zivilprozesses gehören. Für Benjamin Lahusen, Professor für Bürgerliches Recht in Frankfurt, wurde sie zum Ausgangspunkt seiner Habilitationsschrift. Auf den ersten Blick ist es selbstverständlich: Wenn das Gericht aufgrund eines Krieges nicht mehr arbeiten kann, dann werden die Verfahren unterbrochen. Was soll auch sonst geschehen mit den anhängigen Prozessen, wenn es kein Gericht mehr gibt, das Urteile spreche könnte? Für Lahusen steht noch mehr dahinter: Selbst der Zustand der Rechtlosigkeit ist noch juristisch definiert. „Justitium“ nennt sich dieser seltsame Zustand zwischen Recht und Rechtlosigkeit. Lahusens bei C.H. Beck erschienen Monographie „Der Dienstbetrieb ist nicht gestört“ beschäftigt sich mit der deutschen Justiz zwischen 1943 und 1948 – in einer Zeit also, in der man annehmen könnte, der Zustand der Rechtspflege hätte das „Justitium“ erreicht, die Tätigkeit der Gerichte hätte geendet. Dem war aber nicht zwingend so, stellt Lahusen heraus.

„Der Dienstbetrieb ist nicht gestört“ ist eine außergewöhnliche Schrift. Das liegt am Fokus, den der Autor wählt. Er schreibt über die NS-Justiz nicht mit einem Schwerpunkt auf das Außergewöhnliche. Lahusen referiert nicht über die nationalsozialistische Gesetzgebung, nicht über Freislers Schau-Prozesse, nicht über die augenfällige Rechtlosigkeit in der Diktatur. Im Gegenteil: Es geht gerade um das Gewöhnliche. „Deshalb wurde die Blickrichtung in diesem Buch verschoben. Im Mittelpunkt steht nicht das, was uns vom Nationalsozialismus trennt, sondern das, was wir mit ihm teilen: das Normale“, schreibt Lahusen. Es geht um: „Mietrecht, Eherecht, Beleidigungen, leichte Körperverletzungen, Fälle also, die bei Gericht mit einer routinierten Sachlichkeit rechnen dürfen.“

Lahusen beschreibt einerseits eine Justiz, die unter den Bedingungen des Krieges zu arbeiten versuchte. Es wirkt gerade lächerlich, wenn zahlreiche Gerichte zwar ausgebombt wurden, beinahe alle Akten vernichtet waren, die Direktoren und Präsidenten der Gerichte aber dennoch vermeldeten, der Dienstbetrieb laufe geradezu ungestört weiter. Zahlreiche Gerichte flohen gar vor der nach Deutschland vordringenden Frontlinie, gaben sich aber dennoch den Anschein fortlaufender Funktionalität: In Zeiten des Krieges wollte man sich in Deutschland den Niedergang nicht eingestehen – auch nicht in der Rechtspflege. Benjamin Lausen beschreibt etwa eingehend, was das entscheidende juristische Problem in Auschwitz war: Die Grundbücher in Ordnung zu bringen.

Was Benjamin Lahusen so gelingt, ist eine erstaunliche Geschichte der NS-Justiz, in der er sich gerade nicht auf die ganz offensichtlichen Rechtsbrüche konzentriert, sondern auf die – scheinbare – Normalität. Er legt somit offen, wie das Recht auch dazu dienen konnte, der Terrorherrschaft den Anschein der Normalität zu geben. Während in Auschwitz tausende Menschen ermordet wurden, mussten doch die Grundbücher ordentlich geführt sein. Den Juristen wird sein Band so zur Mahnung: Wie schnell kann das Recht dazu dienen, nicht Gerechtigkeit zu verwirklichen, sondern Unrecht zu manifestieren. In einem ganz eigenen, beinahe schon literarischen Stil referiert der Autor eine umfassende Auswertung von Archiven – und schafft es dennoch, den Leser nicht zu ermüden, sondern mit Spannung zu unterhalten. „Der Dienstbetrieb ist ungestört“ ist ein wichtiger Beitrag zur deutschen Rechtsgeschichte, der jedem Juristen, ebenso aber allen historisch Interessierten nur ans Herz gelegt werden kann.

Benjamin Lahusen: „Der Dienstbetrieb ist nicht gestört“. Die Deutschen und ihre Justiz 1943-1948
C.H. Beck 2022, 384 Seiten, EUR 34

Copyright des Bildes: C. H. Beck

Gute-Nacht-Lieder

Von Benedikt Bögle

21 Gute-Nacht-Lieder versammelt ein bei Diogenes erschienener Band: „Das Gute-Nach-Liederbuch“. Die Lieder wurden von Anna Keel ausgesucht. Bilder von Tomi Ungerer begleiten die Lieder und schaffen so ein sehr schönes Buch, das zum bloßen Durchblättern ebenso gut geeignet ist wie zum Vorsingen für Kinder. Versammelt sind hierbei die „klassischen“ Schlaflieder wie „Der Mond ist aufgegangen“ oder „Guten Abend, gute Nacht“. Andere Lieder erstaunen in der Sammlung ein wenig: „Wer nur den lieben Gott lässt walten“ oder „Nun danket alle Gott“ sind ohne jeden Zweifel besonders schöne deutsche Lieder, würden aber klassischerweise wohl eher als Kirchenlieder, nicht als Einschlaflieder gelten. Das aber tut dem Band natürlich in keiner Weise Abbruch. Die sehr sanften Bilder von Tomi Ungerer begleiten die Lieder sehr unaufdringlich. Dieser Band eignet sich zum Vorlesen wunderbar, ebenso aber zum gemeinsamen Singen oder auch einfach zum Durchblättern.

Das Gute-Nacht-Liederbuch. Mit Zeichnungen von Tomi Ungerer
Diogenes 2022, EUR 16

Copyright des Bildes: Diogenes

Wintersonne

Von Benedikt Bögle

Die Polizei macht in Kopenhagen einen grausamen Fund: In einem Park wird ein Koffer gefunden. Darin: Eine halbe Leiche. Das Opfer scheint bei lebendigem Leibe zersägt worden zu sein. Die Ermittler tappen völlig im Dunkeln. Zunächst fehlt nicht nur die andere Hälfte der Leiche, sondern auch jeder Hinweis auf die Identität des Opfers. Das Team um Annette Werner hat zudem damit zu kämpfen, dass ihr Kollege Jeppe Korner den Polizeidienst an den Nagel gehängt hat und auf Bornholm als Holzarbeiter arbeitet. Irgendwann aber deuten erste Spuren just nach Bornholm: Dort wird ein Mann vermisst, dessen Beschreibung auf das Opfer passt. Der nächste Zufall: Esther, eine alte Dame, die schon bei den letzten Ermittlungen von Annette Werner und ihrem Team eine bedeutende Rolle gespielt hat, hält sich ebenfalls auf Bornholm auf – gerade bei der Schwester des Vermissten.

„Wintersonne“ ist der nächste Krimi von Katrine Engberg rund um die Ermittler Annette Werner und Jeppe Korner. Wie schon die letzten Krimis der Reihe, besticht auch „Wintersonne“ mit einem spannenden Plot. Der Leser tappt ebenso lange im Dunkeln wie es die Ermittler selbst tun. Engberg legt immer wieder falsche Fährten; mehrmals scheint der Fall kurz vor der Aufklärung, bevor sich die Spuren doch zerschlagen. Katrine Engberg bietet so beste Unterhaltung, einen fesselnden Fall und ein mehr als überraschendes Ende.

Katrine Engberg: Wintersonne
Diogenes 2022, 431 Seiten, EUR 22

Copyright des Bildes: Diogenes

Mord mit Wischmopp

Von Benedikt Bögle

Copyright: Ullstein

In einem Fotoclub in Hattingen im Ruhrpott wird ein Toter gefunden: Der Vorstand des Vereins wurde offenbar mit Blitzlichtern ermordet, die bei ihm einen Herzinfarkt auslösten. Gefunden wird er just von der Reinigungskraft der Vereins – die sich sofort in die Ermittlungen stützt. Zufällig belauscht sie ein anderes Vereinsmitglied, das – so scheint es – etwas mit dem Mord zu tun haben könnte. Pamela Schlonski ermittelt zusammen mit ihrer Kollegin und kommt der Polizei dabei mehr als einmal in die Quere, allerdings mehrmals auch mit Ermittlungsergebnissen zuvor. Wie in einem klassischen Fernsehkrimi findet sich sehr schnell ein erster Verdächtiger, der womöglich nicht nur privat, sondern auch beruflich fotografiert – und die Einnahmen womöglich am Finanzamt vorbeischleust. Als die Spur sich erledigt, folgt der zweite Verdächtige, der womöglich selbst gerne Vorstand des Vereins geworden wäre und deswegen as Opfer aus dem Weg räumt. Auch diesen Täter muss Pamela Schlonski fallen lassen – und hat am Ende doch den richtigen Riecher.

„Mord mit Wischmopp“ hat eine solide Grundgeschichte. Die Reinigungskraft als Ermittlerin ist originell, im Übrigen ist der Krimi bei weitem nicht so platt, wie der Titel und vor allem das Cover es nahelegen mögen. Die Personen sind witzig gezeichnet, aber teilweise etwas zu krachig, zu vorhersehbar: Der geschiedene Kommissar, die neugierige Putzkraft. Etwas weniger Klischee hätte den Charakteren sicherlich gut getan, ein weniger mehr Zurückhaltung bei der jugendlichen Tochter von Pamela Schlonski vielleicht auch. Ansonsten aber: Ein solider Krimi, der unterhält.

Mirjam Munter: Mord mit Wischmopp
Ullstein 2022, 373 Seiten, EUR 10,99

Isidor

Von Benedikt Bögle

Copyright: Diogenes

„Mein Urgroßonkel war ein Dandy. Sein Name war Isidor. Oder Innozenz. Oder Ignaz. Eigentlich aber hieß er Israel.“ Shelly Kupferberg ist bei Diogenes mit „Isidor“ ein genialer Roman gelungen. Sie schildert die Lebensgeschichte – der erste Satz des Buches offenbart es ja bereits – ihres Urgroßonkels Isidor. Er wurde in einer jüdischen Familie in Galizien geboren; das Leben war einfach, die Verhältnisse ärmlich. Nach und nach zog es die Kinder der Familie in die weite Welt, schließlich nach Wien. Dort bauten sie sich alle ein erfolgreiches Leben auf; besonders erfolgreich aber war Isidor. Er studierte Jura, ging in die Wirtschaft, verdiente sich ein angenehmes Vermögen, um das Leben in Wien in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in vollen Zügen genießen zu können. Shelly Kupferberg schildert von Anfang an ein jüdisches Leben, das sich immer ein wenig verstecken muss, um nicht gesellschaftlich geächtet zu werden. Trotz einer großen jüdischen Gemeinde in Wien greift der Antisemitismus um sich. Isidor aber wähnt sich in Sicherheit: Er hat Karriere gemacht, er hat Kontakte. Und so ergreift er auch nicht die Flucht, bevor die Nazis nach Österreich einmarschieren. Isidor unterschätzt die Gefahren, das Ausmaß der nationalsozialistischen Verblendung. Isidor wird schließlich einige Monate verhaftet und so schlimm verletzt, dass er sich auch in der Freiheit nicht mehr erholen kann und stirbt.

Shelly Kupferberg schildert eindrücklich ein jüdisches Leben zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Sie zeigt den großen Erfolg der Familie auf, schildert in beeindruckender Sprache das angenehme Wiener Leben. Und gleichzeitig spürt man als Leser die Gefahren wachsen. „Isidor“ zeigt, wie der jüdischen Familie die Heimat mit aller Gewalt entrissen wird. „Isidor“ ist dabei mehr als ein historischer Bericht; Shelly Kupferberg hat sich in einer beeindruckenden Sprache auf die Suche nach ihrem Urgroßonkel gemacht. Ein beeindruckendes Buch!

Shelly Kupferberg: Isidor
Diogenes 2022, 24 EUR

Strafrecht: Revision

Von Benedikt Bögle

Copyright: C.F. Müller

Im Zweiten Staatsexamen kommt die strafrechtliche Revision immer wieder in Prüfungsaufgaben vor. An Ausbildungsliteratur hierzu fehlt es nicht, besonders empfehlenswert ist allerdings „Die Revision in der strafrechtlichen Assessorklausur“ von Marc Russack (C.F. Müller, 14. Aufl. 2021). Ein großer Vorteil des Bandes: Russack wertet seit Jahres systematisch zumindest die in NRW gestellten Klausuren aus. Er hat auf diese Weise einen großartigen Überblick über das, was wirklich geprüft wird. „Ein Mehr an Aktualität ist in Buchform nicht zu erreichen“, schreibt Russack im Vorwort. Man wird ihm beipflichten dürfen. Dabei überzeugt der Band durch einen klaren Aufbau, den größten Teil nimmt die Begründetheit der Revision ein. Hier bespricht Russack zunächst die Verfahrensfehler, sodann die fehlerhafte Anwendung materiellen Rechts. Durchgängig zitiert der Autor aus den zugelassenen Kommentaren, was eine direkte Nacharbeit ermöglicht. Besonders gelungen: Immer wieder gibt Russack Beispiele echter Examensklausuren und zeigt auf diese Weise unmittelbar, wie ein bestimmtes (abstraktes) Problem tatsächlich Gegenstand einer Klausur werden kann. Dabei kommen in seiner Darstellung auch Verstöße gegen Vorschriften aus dem GVG mehr vor als man dies aus anderen Darstellungen kennt. Marc Russack geht in seinem Band davon aus, dass im Examen hauptsächlich ein Gutachten zu den Erfolgsaussichten einer Revision Gegenstand der Prüfung ist. Der bayerische Leser sollte bedenken, dass in Bayern praktisch ausschließlich die Revisionsbegründungsschrift abgeprüft wird. Darauf weist Marc Russack anfangs auch hin; bemängeln kann man diese Beschränkung angesichts der Gepflogenheiten in 15 anderen Bundesländern sicher nicht. Dieses Buch eignet sich damit sehr gut für die Prüfungsvorbereitung.

Marc Russack: Die Revision in der strafrechtlichen Assessorklausur
C.F. Müller, 14. Aufl. 2021, 183 Seiten, EUR 23