Hunkeler in der Wildnis

Von Benedikt Bögle

Im Kannenfeldpark in Basel wird ein toter Mann gefunden. Neben ihm finden sich zwei Boulekugeln – wo ist dritte, notwendige Kugel geblieben? Der Tote ist Journalist, mit seinen Texten über die Kulturwelt Basels hat er sich bei weitem nicht nur Freunde geschaffen. Eigentlich ist Peter Hunkeler als Polizist ja nicht mehr im Dienst. Allerdings ist er auch einer der ersten, die den Tatort betreten – dadurch bringt sich Hunkeler auch durch eigene Fehler in die Mitte des Falles; dorthin, wo er eigentlich nicht mehr stehen will oder doch nicht anders kann. Im weiteren Verlauf legt er sich mit seinen ehemaligen Kollegen bei der Polizei an, kann aber immer wieder auch zielführende Hinweise liefern und findet am Ende gar den Mörder.

Copyright: Diogenes

„Hunkeler in der Wildnis“ ist der zehnte Kriminalroman rund um Peter Hunkeler. Ein Band, bei dem der eigentliche Kriminalfall nicht im Vordergrund steht. Geradezu beiläufig entwickelt sich der Mordfall. Wirklich wichtig scheint er nicht zu sein, auch die Lösung nimmt man als Leser gar nicht mehr als Höhepunkt der Handlung wahr. Vielmehr geht es beständig um die Gefühlslage von Kommissar Hunkeler. Um die Beschäftigungslosigkeit in der Rente, um die Einheit mit der Natur, um die Freiheit des Wanderns. All das hat seinen Charme, entfernt sich aber doch immer weiter von einem klassischen Kriminalroman. In einer Rezension schrieb Christine Richard von der Basler Zeitung, der Autor Hansjörg Schneider und seine Bücher „gehören gar keiner Gattung an. Sie sind autonom. Sie sind Schneider-Bücher. Nichts sonst.“ Dem wird man sicherlich zustimmen können. Nicht einfach, dieses Buch einem Genre zuzuschreiben. Vielleicht tatsächlich gar unmöglich. Der Text ist flüssig und eindringlich – nur eben sehr wenig ein Kriminalroman.

Hansjörg Schneider: Hunkeler in der Wildnis
Diogenes 2020, 222 Seiten, EUR 22

Aus dem Alltag eines Strafverteidigers

Von Benedikt Bögle

Es ist eine Frage, die sich Menschen immer wieder stellen: Wie kann ein Strafverteidiger guten Gewissens arbeiten, wenn er wirklich einmal einen schuldigen Menschen verteidigt? Einen, der die ihm zur Last gelegte Tat auch wirklich begangen hat, zweifelsfrei? Stephan Lucas beantwortet diese Frage: „Auf der Seite des Bösen. Meine spektakulärsten Fälle als Strafverteidiger“ ist bei Droemer erscheinen. Lucas ist Strafverteidiger in München, bekannt auch aus der Fernsehserie um Richter Alexander Hold, in der er den Staatsanwalt gab. Stephan Lucas schildert Fälle, die aus ganz unterschiedlichen Gründen spektakulär sind. Da ist zunächst eine Mutter, die ihre fünfjährige Tochter eine kurze Strecke mit dem Fahrrad fahren ließ. Das Kind geriet auf die Straße und wurde von einem Autofahrer getötet. Nun sollte sich die Mutter vor Gericht wegen fahrlässiger Tötung verantworten. Schon dieser erste Einstiegsfall ist an menschlicher Dramatik nicht mehr zu überbieten und zeigt direkt, dass ein Strafverteidiger eben nicht immer nur auf der Seite der „Bösen“ steht.

Copyright: Droemer

Andere Fälle sind dann aber an verbrecherischer Energie gar nicht mehr zu überbieten. Und tatsächlich stellt man sich hier als Leser die Frage: Wie schafft es der Strafverteidiger, einen so offenkundig schuldigen Menschen zu verteidigen? Dabei macht Lucas immer wieder klar: Ein Strafverteidiger verteidigt nicht die moralische Unbedenklichkeit seines Mandaten. Er kämpft schlicht dafür, dass jeder Mensch das gerechte und faire Verfahren erhält, das unsere Rechtsordnung ihm zubilligt und das in einem Rechtsstaats schlicht unerlässlich ist. Die Einblicke von Strafverteidiger Lucas sind nicht nur interessant und facettenreich, sie fesseln tatsächlich den Leser und sind insbesondere gut geschrieben. Schade nur ist, dass der Verlag nicht offen sichtbar angibt, dass es sich bei diesem Band um eine erweiterte Neuauflage des gleichnamigen Buches aus dem Jahr 2012 handelt. Sicher, im Impressum findet sich der Hinweis. Der Leser wird den Band aber zunächst möglicherweise doch für eine Sammlung neuer Fälle halten.

Stephan Lucas: Auf der Seite des Bösen. Meine spektakulärsten Fälle als Strafverteidiger
Droemer, erweiterte und überarbeitete Taschenbuchausgabe 2020, 269 Seiten, EUR 9,99

Degenhart: Klausurenkurs Öffentliches Recht

Von Benedikt Bögle

Christoph Degenhart hat einen hervorragenden Klausurenkurs für das Öffentliche Recht geschaffen. Das zeigt auch die Tatsache, dass „Klausurenkurs im Staatsrecht II. Staatsorganisationsrecht, Grundrechte, Bezüge zum Europarecht“ bei C.F. Müller bereits in der achten Auflage erschienen ist. Insgesamt 19 Fälle bietet der Autor, die er immer nach dem selben Muster angeht. Nachdem der Sachverhalt präsentiert ist, gibt Degenhart ein paar einführende Gedanken, die letztlich den groben Fahrplan vorgeben und zeigen, worauf es in diesem Fall ankommt. Es folgt die Gliederung und im Anschluss die ausformulierte Klausurlösung. Soweit, so normal für ein Klausurenbuch. Anschließend aber bietet Degenhart etwas, das gerade für die Examensvorbereitung gut ist: Ein „Repetitorium“, in dem er das im Fall behandelte Thema noch einmal im Schnelldurchlauf Revue passieren lässt.

Copyright: C.F.Müller

Der große Vorteil: Aspekte, die in den Fällen nicht so ganz relevant waren, müssen nicht unter den Tisch fallen, sondern kommen auch noch zu ihrem Recht. Weiter kann so nochmals ein grober Überblick gegeben werden, der in einer Falllösung vielleicht auch einmal untergehen mag. Schließlich sticht die hervorragende Kombination der einzelnen Teilbereiche des Staatsrechts ins Auge. Es gibt in diesem Band nicht den „reinen“ Staatsorganisation-Fall – den wird es auch im Examen wohl nie geben. Vielmehr kombiniert Degenhart hier die Rechtsgebiete realistisch miteinander und lässt keinen der großen Meinungsstreitigkeiten aus. Hervorragend für die Examensvorbereitung!

Christoph Degenhart: Klausurenkurs im Staatsrecht II. Staatsorganisationsrecht, Grundrechte, Bezüge zum Europarecht
C.F. Müller, 8. Aufl. 2018, XV, 473 Seiten, EUR 22,90

Examensvorbereitung im Strafrecht

Von Benedikt Bögle

Gute Bücher zur Vorbereitung auf das Staatsexamen sind manchmal gar nicht so einfach zu finden. Lehrbücher lassen nicht selten eine ordentliche Unterscheidung zwischen Wichtigem und Unwichtigem vermissen. Zudem sind sie meist nicht auf Fälle bezogen, die zu lösen es aber im Staatsexamen doch gilt. Fallbücher andererseits bieten den Stoff eben nicht im Zusammenhang. Zudem lassen sich in einzelnen Fällen selten alle Nuancen eines Problems unterbringen, ohne dass es vollkommen unübersichtlich würde. Das geradezu perfekte Zwischenstadium hat Christian Jäger erreicht: „Examens-Repetitorium Strafrecht Besonderer Teil“ ist die perfekte Vorbereitung im Strafrecht. Jäger behandelt darin grundsätzlich wie in einem Lehrbuch unterschiedliche Deliktsgruppen. Er arbeitet Zusammenhänge heraus, bringt Querverweise, weist immer wieder auf Probleme aus dem Allgemeinen Teil hin, bietet Definitionen.

Copyright: C.F. Müller

Andererseits aber bietet Jäger in seinem Band insgesamt knapp 90 Fälle, die er zwar nicht immer streng gutachterlich löst, bei denen er aber doch eine grobe Klausurgliederung durcharbeitet. Hierbei wird nicht nur das gerade relevante Problem diskutiert, sondern der ganze Fall gelöst. Dazu aber kommen zahlreiche Beispiele, die knapp gelöst eine hervorragende Übersicht über das aktuelle Problem bieten. Diese Kombination ist genial. Denn nach der Lektüre hat man einerseits einen Überblick auch über verschiedene Zusammenhänge, andererseits hat man eine Vielzahl an Fällen gesehen und gelöst. Auch im Übrigen lässt sich an diesem Werk kaum etwas kritisieren. Wo etwas selbstverständlich ist, sagt Jäger das. Wo sich etwas direkt aus dem Gesetz ablesen lässt, weist der Autor darauf hin. Nur, wenn ein bestimmter Artikel unbedingt gelesen werden sollte, schreibt Jäger das auch, verzichtet ansonsten aber auf die leider nicht unüblichen bevormundenden Hinweise, was nicht noch alles unbedingt und ohne jede Ausrede noch gelesen und durchgearbeitet werden müsste. Einzig möchte man sich noch wünschen, Definitionen wären am Rand kurz angekündigt oder gar am Ende zusammengefasst geboten. Mehr aber gibt es wirklich nicht zu kritisieren. Ein rundherum gelungenes, hervorragendes und ohne Einschränkung zu empfehlendes Werk!

Christian Jäger: Examens-Repetitorium Strafrecht Besonderer Teil
C. F. Müller, 8. Aufl. 2019, 534 Seiten, EUR 27

Jerusalem – Ein kulinarisches Reisebuch

Von Benedikt Bögle

Jerusalem ist ein wie Schmelztiegel verschiedener Kulturen, Religionen und damit natürlich auch verschiedener Küchen. Insofern lässt es sich wohl nur schwer feststellen, was denn eigentlich die Küche Jerusalems ist: Die traditionelle, jüdische und koschere Küche? Moderne Variationen traditioneller Gerichte, die nicht mehr unbedingt koscher sein müssen? Oder ist es gar eher die arabische Küche? Nun, anscheinend nichts von alldem und doch alles gleichzeitig. Die Journalistin Vanessa Schlesier schreibt: „Gelegen an der Schnittstelle von Europa, Asien und Afrika, ist Jerusalem for die drei monotheistischen Weltreligionen Orientierungs- oder Mittelpunkt.“ Verschiedenste Menschen seien im Laufe der Jahrhunderte nach Jerusalem gekommen: „Und sie alle brachten ihre Kochtraditionen und ihre Rezepte mit. Auf den Tellern Jerusalems findet man die Einflüsse aus Zentralasien und Nordamerika, aber auch aus Osteuropa, Mesopotamien und Anatolien“, so Schlesier weiter. Und sie muss es wissen. Von ihr erschien, begleitet durch Fotografien von Malte Jäger, „Jerusalem. Rezepte, Restaurants, Geschichten“ im at-Verlag.

Copyright des Bildes: at-Verlag

Die Autorin und der Fotograf bieten ein Kochbuch – wobei man sich schon gar nicht mehr so sicher ist, ob das eigentlich stimmt. Verschiedene Restaurants der Heiligen Stadt werden vorgestellt, klassische Rezepte geboten. Dabei aber steht immer auch der Koch, steht das Restaurant selbst im Mittelpunkt. Insofern ist „Jerusalem“ ein kulinarischer Reiseführer, an dem man sich bei einem Aufenthalt in der Stadt tatsächlich halten könnte. Gleichzeitig aber ist dieses Werk auch eine Einführung in die Kultur und Küche der Heiligen Stadt. Etwas viel für ein einziges Buch, könnte man meinen – würde sich aber täuschen. Vanessa Schlesier schafft eine wunderbare Synthese von Reiseführer und Kochbuch. Wie oft man sich tatsächlich an die doch eher komplizierten Rezepte des Bandes wagen wird, mag einmal dahingestellt bleiben. Meist braucht man viele Zutaten und noch mehr Zeit.

Und doch würde man direkt etwa den Hummus probieren wollen oder sich an die gehackte Hühnerleber wagen, möchte stundenlang den traditionellen Eintopf „Cholent“ im Ofen haben oder die „New Middle East Shrimps“, eine Kombination von Shrimps und Kalbszunge, ausprobieren. Unterstrichen werden die Texte der Autorin von beinahe noch großartigeren Bildern des Fotografen Malte Jäger, der nicht nur Essen und Zutaten einzufangen vermag, sondern auch verschiedene Stimmungen aus der Heiligen Stadt. Entstanden ist dadurch ein wunderbares Buch, das man vielleicht nicht so sehr zum Kochen nutzen wird, umso mehr aber zum Blättern, Lesen, Schauen.

Vanessa Schlesier / Malte Jäger: Jerusalem. Rezepte, Restaurants, Geschichten
at-Verlag 2020, 258 Seiten, EUR 29,90

Einfach kochen mit dem Thermomix

Von Benedikt Bögle

Ausgefeilte, überraschende Rezepte haben etwas für sich: Man kann ausprobieren, lange in der Küche stehen und sich am Ende über das Ergebnis freuen. Allerdings braucht man dafür natürlich in den meisten Fällen viele Zutaten. Eine Reihe, die im EMF-Verlag erschienen ist, kann das verhindern: „Einfach kochen“ beschränkt sich in den Zutaten enorm. Maximal sechs Zutaten schaffen es in die Rezepte, die aber dennoch nicht unbedingt „einfach“ sind, sondern durchaus auch raffiniert, erstaunlich, exotisch. So etwa bietet „Einfach kochen: Heimatküche“ deutsche Klassiker. Von Guido Schmelich ist nun erschienen: „Einfach kochen mit dem Thermomix“. Alle Rezepte arbeiten mit dem Thermomix und kennzeichnen sich eben dadurch, dass maximal sechs Zutaten zum Einsatz kommen.

Copyright: EMF

Die Rezepte bieten zum einen Teil „Basics“: Einen Krautsalat etwa, Baked Beans, Gulasch oder eine Sauce Hollandaise. Andererseits aber haben hier auch eher außergewöhnliche Rezepte ihren Platz. Der Autor bietet etwa vegan Leberwurst, Erdbeer-Risotto, Panko-Pie mit Mango oder auch schottische Eier. Damit eignet sich dieses Kochbuch für unterschiedliche Nutzer: Einerseits bietet es sich allen an, die mit dem Thermomix noch nicht sehr vertraut sind. Man weiß vielleicht, wie eine Sauce Hollandaise geht – aber wie genau stellt man das mit dem Thermomix an? Welche Rührstufen bieten sich da an? Andererseits aber können sich auch schon geübte Nutzer aus diesem Buch Vorteile versprechen: Neue Rezeptideen, die zudem auf unterschiedlichem Niveau angesiedelt sind. Ein Teil der Pasta-Rezepte etwa arbeitet mit gekauften Nudeln, für andere Rezepte wird die Teigware erst selbst hergestellt. Für alle Rezepte aber gilt die Einfachheit, die sich bereits aus der begrenzten Zahl an Zutaten ergibt, aber noch durch kurze, griffige und prägnante Anleitungen ergänzt wird.

Guido Schmelich: Einfach kochen mit dem Thermomix
EMF 2017, 320 Seiten, EUR 24,99

Hinweis: Das Buch ist augenblicklich bereits vergriffen, kann aber noch gebraucht / antiquarisch bezogen werden.

Martin Walker: Connaisseur

Von Benedikt Bögle

Claudia war eine junge, begabte, lebensfrohe Studentin der Kunstgeschichte. In Paris promoviert sie in ihrem Fach, für ihre Forschungen hält sie sich auch im Périgord auf und freundet sich mit Bruno, Chef de police, an. Doch plötzlich wird sie im Schacht eines Brunnens gefunden. Claudia hatte einen abendlichen Vortrag besucht, sich nicht sehr gut gefühlt und schließlich die Veranstaltung verlassen. Seitdem hatte niemand mehr sie gesehen – bis Bruno sie am nächsten Morgen im Brunnen findet. Es sieht zunächst alles nach einem Unfall auf. Diese These wird auch dadurch unterstützt, dass im Blut der jungen Frau Schmerzmittel, aber auch eine asiatische Droge nachgewiesen werden können. Nur: Das passt eigentlich nicht zu der jungen Frau, die Bruno kennengelernt hatte. Der Chef de police wird skeptisch – und beginnt zu ermitteln.

Copyright: Diogenes

Seine Ermittlungen führen ihn in die Welt der Kunst. Martin Walker erzählt den Kriminalfall mit einer herrlichen Leichtigkeit. Über Seiten hinweg scheint es gar nicht mehr um die Ermittlungen zu gehen, sondern um das Landleben, kulinarische Ausflüge, die Liebe zu Frankreich. Das aber stört nicht – ganz im Gegenteil. Walker hat eine wunderbare Erzählung geschaffen, die auf jeder Seite und mit jedem Aspekt zu unterhalten vermag. Es scheint beinahe, als würde der eigentliche Fall in den Hintergrund rücken, um sich dann doch immer wieder in den Vordergrund zu spielen. Herrliche Unterhaltung!

Martin Walker: Connaisseur. Der zwölfte Fall für Bruno, Chef de police
Diogenes 2020, 437 Seiten, EUR 24