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Wer hat Mister Leonides umgebracht?

Von Benedikt Bögle

Charles und Sophia haben sich im Krieg kennengelernt. Nun wollen sie gerne heiraten – nur: Sophia lehnt vorerst ab. Ihr Großvater Aristide Leonides wurde umgebracht. Diese Sache könnte ein etwas dunkles Licht auf die Familie und auf Sophia selbst werfen. In einer solchen Situation möchte sie nicht heiraten. Sie bittet Charles vielmehr, selbst in die Ermittlungen um den rätselhaften Tod einzusteigen und den Mörder zu finden – sein Vater ist, wie es der Zufall will, ein hochrangiger Beamter bei Scotland Yard und kann Charles so die Türen öffnen. Also begibt sich Charles zum Wohnsitz der Familie und findet eine schwierige Lage vor. Beinahe jeder könnte den Mord begangen haben – aber warum? Da ist die äußerst junge Frau des schon sehr alten Mr Leonides, die möglicherweise ein Verhältnis hat. Will sie erneut heiraten und hat sie zu diesem Zwecke den alten Herrn ermordet? Da sind die beiden Söhne von Mr Leonides, die eigentlich auch keinen Grund haben dürften, ihren Vater zu töten. Beide brauchen kein Geld, beide stecken in keinen großen Schwierigkeiten – so zumindest scheint es vorerst…

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Wer also hat Mr Leonides ermordet? Immer tiefer gräbt sich Charles in die Familie ein, immer mehr erkennt er bei jedem Familienmitglied die Möglichkeit für einen Mord. Hilfe könnte er sich von der kleinsten Enkelin erwarten. Sie weiß alles, sieht alles, beobachtet alles. Nur will sie nicht mit der Sprache rausrücken. „Das krumme Haus“ von Agatha Christie ist einer ihrer besten Romane. Das Setting könnte typischer nicht sein: Ein herrschaftlicher, englischer Landsitz, eine begrenzte Zahl möglicher Mörder, die Suche nach einem tragfähigen Motiv. Agatha Christie erzählt hier enorm flüssig und spannend und überrascht mit dem Ende sicherlich jeden Leser – oder zumindest beinahe jeden. Das alles geht auch nicht gänzlich ohne eine gesunde Prise Selbstironie von statten. Ein wirklich zu empfehlendes Buch.

Agatha Christie: Das krumme Haus
Atlantik, 3. Aufl. 2019, 256 Seiten, EUR 12

Die Halloween-Party

Von Benedikt Bögle

Es sollte eigentlich eine ganz harmlose Party für Kinder und Jugendliche werden. Und tatsächlich war auch alles gut gegangen – ein voller Erfolg, stellt die Gastgeberin fest. Bis eines der Kinder vermisst wird. Es wurde während der Party ertränkt, mit dem Kopf in einen Wassereimer gehalten, aus dem nur kurz vorher die Kinder voller Freude Äpfel gefischt hatten. Das Dorf ist sicher, dass ein Sexualverbrechen dahinterstecken müsste. Nur eine Frau hegt Zweifel: Die berühmte Krimi-Schriftstellerin Ariadne Oliver. Denn nur kurz vor dem Mord hatte das kleine Kind kundgetan, selbst einmal einen Mord beobachtet zu haben – nur wenig später ist es selbst tot. Ein Zufall? Eher unwahrscheinlich. Mrs Oliver bittet den berühmten Meister-Detektiv Hercule Poirot um Hilfe. Er begibt sich zum Schauplatz des Verbrechens und beginnt zu ermitteln.

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Im Dorf herrscht die Meinung, das kleine Mädchen habe ständig nur erfundene Geschichten erzählt. Mit Sicherheit also konnte es selbst keinen Mord beobachtet haben. Poirot ist sich da weniger sicher und sucht in der Vergangenheit nach Mordfällen im kleinen Dorf. Und tatsächlich stößt er auf eine vielversprechende Spur im Zusammenhang mit einem gefälschten Testament. „Die Halloween-Party“ ist ein klassischer Agatha-Christie-Krimi: Der messerscharfe Verstand und die ausgezeichnete Beobachtungsgabe Poirots führt über kurz oder lang immer zum Täter. So auch in diesem Fall. Hervorragende Unterhaltung!

Agatha Christie: Die Halloween-Party
Atlantik, 2. Aufl. 2019, 239 Seiten, EUR 12

Der Pilgerbericht der Egeria

Von Benedikt Bögle

Der antike Pilgerbericht einer gewissen Egeria gehört für die moderne Theologie zu einer besonders wichtigen Quelle. Egeria scheint Nonne im Norden der spanischen Halbinsel gewesen zu sein. Wohl zwischen 381 und 384 unternahm sie eine Pilgerreise, die sie nicht nur in das Heilige Land und nach Jerusalem, sondern auch nach Ägypten, zum Sinai und nach Mesopotamien führte. An ihre zu Hause gebliebenen Schwestern adressierte Egeria einen Bericht ihrer Pilgerreise. Er ist etwa für die Liturgiewissenschaft eine besondere Perle, da Egeria gerade zur Heiligen Woche in Jerusalem war und sehr detailliert die Liturgie Kar- und Ostertage schilderte.

Copyright: Herder

Aber natürlich ist der Pilgerbericht auch als Reiseführer spannend: Egeria, die von sich selbst behauptet, sehr neugierig zu sein, schildert ihre Reise und ihre Erlebnisse. Dieser Teil des Itinerariums ist nun bei Herder erschienen. Georg Röwekamp hat „Egeria – Itinerarium. Der antike Reiseführer durch das Heilige Land“ eingeleitet und die Übersetzung besorgt. Durch zahlreiche Bilder ist wirklich ein antiker Reiseführer entstanden. Natürlich, das Land und die Sehenswürdigkeiten haben sich verändert. Dennoch bietet der antike Bericht einen authentischen Blick. Interessant, schön aufbereitet – lesenswert!

Egeria – Itinerarium. Der antike Reiseführer durch das Heilige Land. Eingeleitet und übersetzt von Georg Röwekamp
Herder 2018, 203 Seiten, EUR 30

Die Geschichte von Peter Hase

Von Benedikt Bögle

Peter ist ein sehr unvorsichtiger Hase: Er weiß ganz genau, dass er sich nicht in den Garten von Herrn Gregers schleichen und sich an dessen Gemüse bedienen soll. Herr Gregers kann wütend werden. Und wenn er wütend wird, kann das durchaus gefährlich sein. Und trotzdem kann Peter es nicht lassen. Wieder schleicht er in den Garten des alten Mannes und bedient sich ausgiebig an Lattich, Bohnen, Radieschen und Petersilie. Es scheint alles gut zu werden – bis der kleine Hase Peter doch noch von Herrn Gregers erwischt wird und schnell die Flucht antreten muss – gerade noch rechtzeitig entwischt er dem alten Mann. „Die Geschichte von Peter Hase“ von Beatrix Potter ist ein Klassiker, den der Diogenes-Verlag nun neu aufgelegt hat. Eine wunderbare Geschichte und wunderbare Bilder – und am Ende steht sogar eine kleine Moral, die vor dem unberechtigten Diebstahl warnt.


Beatrix Potter: Die Geschichte von Peter Hase
Diogenes 2020, 55 Seiten, EUR 9

Liebe Kirche…

Von Benedikt Bögle

Schwester Teresa Zukic liebt ihre Kirche – aber sie hadert auch mit ihr, mit gewissen Gläubigen, mit gewissen Gruppierungen. Eine Sammlung von Briefen ist nun bei Herder erschienen: „Liebe Kirche… Briefe an den lieben Gott und sein Bodenpersonal“. Teresa Zukic wendet sich an Gott selbst und an den Papst, an die vermeintlich „Frommen“ in den Kirchengemeinden wie auch an Geschieden-Wiederverheiratete oder Opfer des sexuellen Missbrauchs in der Kirche. Mit Kritik spart die Ordensschwestern nicht – aber auch nicht mit vielfältigen Erweisen einer tiefen Liebe zur Kirche und zu ihrem Gott, mit aufbauenden Worten und der Zuversicht, dass diese Kirche den Menschen dienen kann. Bahnbrechend neues wird in diesem Band nicht berichtet. Es ist der Stil, der diesen Band besonders macht: Die ehrliche, bisweilen gar überschäumende und überzeugende Art einer Frau, die ihr Leben in den Dienst Gottes und der Kirche gestellt hat. Man wird nicht mit dem Inhalt jedes dieser Briefe einverstanden sein müssen, um dennoch wertvolle Impulse aus diesem schmalen Bändchen ziehen zu können.

Teresa Zukic: Liebe Kirche. Briefe an den lieben Gott und sein Bodenpersonal
Herder 2020, 160 Seiten, EUR 14
Copyright des Bildes: Herder

Die Pfarrei der Zukunft

Von Benedikt Bögle

Die Kirche steht in Deutschland wie auch in den größten Teilen Europas im Umbruch. Die von uns gewohnten Strukturen werden in Zukunft kaum oder gar nicht mehr möglich sein. Dass eine (politische) Gemeinde einer Pfarrei entspricht, der wiederum ein Priester als Pfarrer zugeteilt ist, wird in Zukunft nicht mehr funktionieren: Wenn es immer weniger Priester – aber auch weniger Diakone, Pastoral- und Gemeindereferentinnen – gibt, kann schlicht nicht mehr jede Gemeinde in der ihr gewohnten Form weiterleben und den Glauben weiter feiern. Die Pfarrei der Zukunft muss gesucht und gefunden werden. Die denkbaren Modelle sind vielfältig. Das Bistum Essen hat sich hier an ein großes Projekt gewagt: Alle Pfarreien waren aufgerufen, Voten zum anstehenden Strukturprozess abzugeben. In einem „Pfarrentwicklungsprozess“ (PEP) konnten sich die Gläubigen selbst einbringen. Nun haben die Verantwortlichen eine Auswertung dieser Voten vorgenommen: „Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen“ ist das Ergebnis. Herausgegeben von Markus Etscheid-Stams, Björn Szymanowski, Andrea Qualbrink und Benedikt Jürgens ist dieser Band bei Herder erschienen.

Copyright: Herder

Schon das Vorwort des Essener Bischofs Franz-Josef Oberbeck drückt einen ehrlichen Respekt vor diesem Prozess und den Voten der Pfarreien zum Ausdruck. Als Bischof wolle er „lokale Kompetenzen und Verantwortlichkeiten sehr ernst“ nehmen. Was folgt, ist eine detaillierte Zusammenfassung und Auswertung der Voten, flankiert von theologischen Impulsen. Bemerkenswert erscheint hier der Umgang mit dem anstehenden Strukturprozess. Jedes deutsche Bistum wird sich bald – bisweilen sehr bald – mit der Zukunft von Kirche vor Ort beschäftigen müssen. Das Bistum Essen zeigt mit dem Prozess wie auch mit diesem Band, dass dieser Prozess nicht „von oben herab“ verordnet werden muss und kann. Der Band zeigt zudem, dass die theologische Wissenschaft diesen Prozess begleiten und bereichern kann. Für den allgemeinen Leser dürfte sich dieser Band für Impulse sicher eignen, seine wahre Kraft aber dürfte er im Bistum Essen entfalten.

Markus Etscheid-Stams, Björn Szymanowski, Andrea Qualbrink und Benedikt Jürgens (Hg.): Gesucht: Die Pfarrei der Zukunft. Der kreative Prozess im Bistum Essen
Herder 2020, 394 Seiten, EUR 32

Kommentar zum Grundgesetz

Von Benedikt Bögle

Kommentare können gerade im fortgeschrittenen Bereich des Studiums wichtig sein: Man sucht ja manchmal nur die Antwort auf eine sehr detaillierte Frage. Während man in Lehrbüchern oft länger suchen muss und die Antwort vielleicht gar nicht findet, kann man bei einem Kommentar schnell auf das gesammelte Wissen zu einzelnen Normen zurückgreifen. Der große Nachteil von Kommentaren: Regelmäßig sind sie sehr teuer. Günstig kann man allenfalls gebrauchte Kommentare vergangener Jahre bekommen. Anders ist das mit der Reihe „Nomos Kommentar“: Der von Hömig und Wolff herausgegebene Band zum Grundgesetz etwa kostet nur 39 Euro. Dabei bietet er alle wichtigen Informationen, von der Präambel bis zum inkorporierten Recht aus der Weimarer Reichsverfassung. Die Sprache ist gut verständlich, der Umfang zugleich aber begrenzt. Jedem zu empfehlen, der einen handlichen und preisgünstigen Kommentar zum Grundgesetz sucht.

Amadeus Wolff / Dieter Hömig (Hg.): Grundgesetz für die Bundesrepublik Deutschland. Handkommentar
Nomos, 12. Aufl. 2018, 1006 Seiten, EUR 39
Copyright des Bildes: Nomos