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Lehane: Gone Baby Gone

Von Benedikt Bögle

Als in Boston ein kleines Mädchen entführt wird, werden die beiden Privatdetektive Patrick Kenzie und Angela Gennaro um Hilfe gebeten: Die kleine Amanda verschwand aus der Wohnung ihrer Mutter, als diese bei einer Nachbarin war. Schnell stellt sich heraus: Die Mutter kümmert sich wenig um ihre Tochter, ist mit Amanda überfordert. Von Anfang an gibt es kaum eine Spur, die auf den oder die Entführer hindeuten könnten. Kenzie und Gennaro arbeiten sich in den Fall ein und beginnen bald, mit dem beiden ermittelnden Polizisten zusammenzuarbeiten. Eine erste Spur ergibt sich: Womöglich hat Amandas Mutter einen Drogenboss um Geld betrogen. Ist Amanda vielleicht ein Druckmittel auf die Mutter, das Geld zurückzuzahlen? Der Fall scheint beinahe gelöst; doch dann platzt die Übergabe des Lösegeldes. Amanda bleibt verschwunden. Monate später überschlagen sich die Ereignisse. Patrick Kenzie und Angela Gennaro müssen bitter lernen, wem sie vertrauen dürfen – und wem nicht.

Dennis Lehane hat mit „Gone Baby Gone“ einen spannenden Plot geschaffen. Die Entwicklungen überschagen sich am Ende und offenbaren eine völlig unerwartete Lösung des Falles. Gleichzeitig überzeugt Lehane mit einer gewissen Portion Humor, ohne dabei die Ernsthaftigkeit seines Themas zu relativieren. Der Autor lässt seinen Leser mit einem Fragezeichen zurück. Bei aller Schilderung von Missbrauch an Kindern stellt sich die Frage: Was ist recht, was ist gerecht? Lehane geht der schwierigen Thematik nicht aus dem Weg – und gerade das kann überzeugen. Gleichzeitig ist der Roman an vielen Stellen zu langatmig geraten; man muss sich gerade im zweien Drittel durch das Buch kämpfen.

Dennis Lehane: Gone Baby Gone
Diogenes 2020, 571 Seiten, EUR 17

Engberg: Das Nest

Von Benedikt Bögle

Copyright: Diogenes

Der 15jährige Oscar wird vermisst. Zuletzt wurde er in der Schule gesehen, weder seine Eltern noch seine beste Freundin haben auch nur eine Ahnung, wo er sich befinden könnte. Ist er von zuhause abgehauen? Dafür könnte ein rätselhafter Brief sprechen, den die Eltern finden – nur: Der ließe sich auch als Erpresserbrief lesen. Nachdem Oscar immer länger verschwunden bleibt, ist ein Verbrechen immer wahrscheinlicher. Die beiden Polizisten Annette Werner und Jeppe Korner ermitteln. Bald kommt ihnen die Familie des verschwundenen Jungen immer seltsamer vor. Wäre es gar denkbar, dass die Eltern selbst hinter dem Verschwinden ihre Sohnes stecken? Und was hat das ganze mit einer Müllverbrennungsanlage in Kopenhagen zu tun? Als nur kurz darauf zwei Lehrer von Oscar sterben, beginnt die Uhr zu ticken. Immer undurchsichtiger erscheint das Gestrüpp, durch das sich die Kopenhagener Polizei wühlen muss, immer wahrscheinlicher ist, dass Oscar schon tot ist. Nur durch Zufall lichtet sich langsam der Nebel.

„Das Nest“ ist der vierte Krimi von Katrine Engberg um das Kopenhagen Ermittlerteam. Und wiederum kann die Autorin mit ihrem Buch begeistern: „Das Nest“ ist spannend – bis zur letzten Seite. Die Lösung ist bis zum Schluss völlig offen; erst im Nachhinein versteht man als Leser die eine oder andere Andeutung. Eine grandiose Erzählung!

Katrine Engberg: Das Nest
Diogenes 2021, 415 Seiten, EUR 20

Eine Kirche der Hoffnung

Von Benedikt Bögle

Copyright: Herder

Monika Renz ist nicht nur Theologin, sondern auch Psychotherapeutin; sie leitet seit 1998 die Psychoonkologie im Kantonsspital St. Gallen. Bei Herder ist nun ein Werk über die Kirche erschienen: „Ich träume von einer Kirche der Hoffnung“. Diesen Traum beschreibt die Autorin als einen Traum von „einer Kirche der Hoffnung, einer Kirche für die Verzweifelten, Armen, Lahmen, Entrechteten, auch für die mitten im Wohlstand Wach-gebliebenen, kritisch Hinterfragenden, einer Kirche für jeden Einzelnen, für uns, für mich.“ In diesen Worten klingt schon eine gewisse Nähe zu den Themen an, die Papst Franziskus immer wieder von der Kirche fordert – und so verwundert es auch nicht, dass die Autorin immer wieder auch auf den Pontifex verweist. 

Monika Renz entfaltet nun insbesondere an ihren Erfahrungen mit Sterbenden und Leidenden, welche Rolle Gott und die Kirche im Leben der Menschen spielen können. In einem sehr breiten Kapitel geht sie auf die Bedeutung der Hochfeste ein; darauf, wie durch das Kirchenjahr hindurch Grunderfahrungen und Hoffnungen der Menschen gefeiert werden können – ein interessantes Kapitel. Leider bleiben am Ende des Bandes sehr viele Fragezeichen. Die Autorin schildert den Traum einer Kirche, die aus Hoffnung lebt und die Hoffnung gibt. Die entscheidende Frage dieser Tage wäre ja: Wie geht denn das? Wie konkret muss sich Kirche verändern und verwandeln, um wirklich (wieder) eine Kirche der Hoffnung zu sein? 

Zwei hervorragende Ansätze finden sich in diesem Band, die ein eigenes Buch wert gewesen wären – die aber seltsam miteinander verbunden sind. Sicherlich spannend wäre es, würde die Autorin ausführlich über ihre Erfahrungen in der Hospizseelsorge berichten. Ebenfalls spannend wäre es, würde die Autorin in einem anderen Band die Bedeutung der Hochfeste reflektieren. So aber bleibt eine seltsame Vermengung der Themen, die den Leser etwas fragend zurücklässt.

Monika Renz: Ich träume von einer Kirche der Hoffnung
Herder 2020, 154 Seiten, EUR 16

Vertragsgestaltung

Von Benedikt Bögle

Copyright: Nomos

„Die Perspektive der anwaltlichen Beratung hat in die universitäre Juristenausbildung Eingang erhalten und gewinnt weiter an Gewicht.“ Das schreiben Lutz Aderhold, Raphael Koch und Karlheinz Lenkaitis im Vorwort zur ersten Auflage von „Vertragsgestaltung“; das Lehrbuch ist mittlerweile bereits in vierter Auflage bei Nomos erschienen. Es bietet eine Einführung in und Übersicht über das breite Feld der Vertragsgestaltung, das – wie die Autoren schreiben – zum Teil universitärer Ausbildung wurde und daher auch Gegenstand einer Examensklausur sein kann oder in einigen Bundesländern sogar sein soll. 

Der Band bietet zunächst eine relativ breite Einführung in die Methodik der Vertragsgestaltung. Hier geht es um wesentliche Ziele der Mandanten, um die Rechtssicherheit von Verträgen und auch – eher ungewöhnliche für derartige Lehrbücher, aber umso begrüßenswerter – um Verhandlungsmethoden. An diesen allgemeinen Teil schließt sich dann ein Ritt durch verschiedene Felder der Vertragsgestaltung an, der von Kaufrecht über Arbeitsrecht, von Franchising bis zu Eheverträgen reicht. Dabei ist zunächst festzustellen: Das hier vorliegende Buch bietet deutlich mehr Rechtsgebiete als vergleichbare Lehrbücher. Dort werden meist die „Examensklassiker“ Familienrecht, Erbrecht, Immobiliarsachenrecht und Gesellschaftsrecht dargestellt – Ausführungen zu Arbeitsverträgen oder dem Mietrecht fehlen allerdings meist. 

In dieser umfassenden Darstellung liegt leider aber auch der Nachteil dieses Bandes. Denn gerade in den kautelarjuristischen Examensarbeiten geht es um immer wiederkehrende Konstellationen. Hier hätte dieser Band gerne ausführlicher sein können. Dennoch bleibt es dabei: Dieses Buch gibt einen guten Überblick; das wird unterstützt durch verständliche Sprache und eine übersichtliche Gliederung. „Vertragsgestaltung“ bietet sich daher allen Studierenden an, die sich für das Examen vorbereiten oder gar in entsprechenden Schwerpunkten mit dem Thema Vertragsgestaltung befasst sind. 

Lutz Aderhold / Raphael Koch / Karlheinz Lenkaitis: Vertragsgestaltung
Nomos, 4. Aufl. 2021, 272 Seiten, EUR 26,9

„Den ersten Schritt macht Gott“. Bischof Stefan Oster über Berufung

Von Benedikt Bögle

Copyright: Herder

In der Geschichte der Kirche gab es immer wieder monumentale Berufungsereignisse: Saulus sieht den auferstandenen Herrn und fällt vom Pferd, Augustinus schlägt die Bibel an einer willkürlichen Stelle auf und wird ins Herz getroffen, dem heiligen Martin begegnet Christus selbst im Traum. Dabei ist Berufung nicht nur etwas für die großen Heiligen der Geschichte; sie geht jeden Christen und jede Christin etwas an, jeden, der auf den Ruf Gottes hören möchte, der an ihn ergeht. Diesem großen Thema christlicher Spiritualität nähern sich der Journalist Rudolf Gehrig und der Passauer Bischof Stefan Oster in einem bei Herder erschienen Band: „Den ersten Schritt macht Gott. Über Erfüllung, Berufung und den Sinn des Lebens.“ 

Das kleine Büchlein geht zurück auf eine Interviewreihe, die der Journalist Gehrig mit dem Bischof für den Fernsehsender EWTN führte. Und je länger man liest, desto eher hat man den Eindruck: Einen passenderen Gesprächspartner hätte Gehrig nicht finden können. Stefan Oster hatte eine Karriere als Radiomoderator begonnen und lebte in einer Beziehung. Er merkte allerdings, dass Gott andere Pläne für sein Leben hatte, wurde Salesianer, Priester, schließlich Bischof. Das Gespräch mit Oster ist damit auch ein sehr persönliches. Das ist bemerkenswert in zweierlei Hinsicht: Gehrig zögert nicht, auch private, vielleicht sogar ein wenig unangenehme Fragen zu stellen – Bischof Oster dagegen zögert ebenso wenig, diese Fragen auch ehrlich zu beantworten. 

Die beiden kreisen um die Frage, was Berufung eigentlich ist und wie man sie spüren kann, was geschieht, wenn man der Berufung nicht folgt. Sie klammern dabei die schwierigen Fragen unserer Zeit nicht aus: Wie unterscheidet die Kirche bei Berufungen, wenn es etwa darum geht, eine Person zum Priester zu weihen oder nicht? Wie rechtfertigt die Kirche den Zölibat und die Priesterweihe ausschließlich für Männer? Welche Strahlkraft hat Kirche noch angesichts des Missbrauchs? Bischof Oster ist um ehrliche und persönliche Antworten alles andere als verlegen. 

Der Dialog der beiden Autoren überzeugt: Gehrig ist ein geschickter Interviewer, der spannende Nachfragen stellt und immer wieder eine ordentliche Prise Humor beisteuert. Stefan Oster dagegen beantwortet diese Fragen durchgängig verständlich, nachdenklich, persönlich und vor allem ohne in leere Floskeln abzudriften. Hier sind sich zwei Menschen begegnet, die ihre eigenen Erfahrungen mit einem Ruf Gottes gemacht und reflektiert haben. Ihr Gespräch legt Zeugnis davon ab – und zeigt damit auch: Die Kirche kennt viele Berufungen. Die des ehelosen Bischofs wie die des verheirateten Journalisten. 

Bischof Stefan Oster / Rudolf Gehrig: Den ersten Schritt macht Gott. Über Erfüllung, Berufung und den Sinn des Lebens
Herder 2021, 174 Seiten, EUR 16

Recht der elektronischen Verwaltung

Von Benedikt Bögle

Copyright: Kommunal- und Schul-Verlag

Online-Kommunikation beherrscht mittlerweile beinahe alle Bereiche unseres Lebens – nicht nur die private und gesellschaftliche Kommunikation, sondern auch Politik, Justiz und Recht. Es wundert daher nicht, dass auch das Verwaltungsverfahren immer mehr elektronisch ausgestaltet wird. Der Kommunal- und Schul-Verlag in Wiesbaden hat diesem Thema einen eigenen Kommentar gewidmet: „Verwaltungsverfahrensgesetz und E-Government“ wurde unter anderem von Rainer Bauer herausgegeben und ist mittlerweile in zweiter Auflage erschienen. Schon im Vorwort skizzieren die Herausgeber die Bedeutung der Thematik, gerade mit Blick auf das 2013 in Kraft getretene „E-Government-Gesetz“. „Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist die Verrechtlichung des IT-Einsatzes in der öffentlichen Verwaltung so weit fortgeschritten, dass das Verwaltungsverfahrensrecht nicht mehr ohne Blick auf seine Bezüge zum E-Government betrachtet und zunehmend auch nicht ohne Wissen um seine informationstechnischen Bezüge sinnvoll angewendet werden kann.“ 

Gerade diese Verflechtungen will der vorliegende Kommentar sichtbar machen. Er tut dies in verschiedenen Schritten. Den Hauptteil bildet eine beinahe klassische Kommentierung des Verwaltungsverfahrensgesetzes (VwVfG). Dabei wird das ganze Gesetz umfassend kommentiert, wobei ein Schwerpunkt allerding auf Fragen rund um E-Government liegt. Ergänzt wird dies durch die Kommentierung weiterer Nebengesetzte, wobei der Schwerpunkt hier ganz eindeutig auf dem E-Government liegt, wenn das EGovG oder das SigG kommentiert werden. Den Beginn des Bandes wiederum bildet eine theoretische „Einführung in das Recht der elektronischen Verwaltung“.

Der Kommentar verbindet auf diese Weise den „klassischen“ VwVfG-Kommentar mit einer Arbeitshilfe für alle, die sich mit elektronischer Verwaltung beschäftigen müssen. Besonders hervorzuheben ist dabei die Übersichtlichkeit des Kommentarteils; die Herausgeber arbeiten mit zahlreichen Zwischenüberschriften und fördern die Lesbarkeit dadurch erheblich. 

Bauer/Heckmann/Ruge/Schallbruch/Schulz: Verwaltungsverfahrensgesetz und E-Government
Kommunal- und Schul-Verlag Wiesbaden, 2. Aufl. 2014, 1318 Seiten, EUR 99

Das gestohlene Kind

Von Benedikt Bögle

Copyright: Knaur

Malik ist Privatermittler, vor allem für große Wirtschaftsunternehmen stellt er auf der ganzen Welt Ermittlungen an – ob es nun um Markenpiraterie in der Türkei oder illegale Müllentsorgung in Deutschland geht. Eigentlich möchte er eine private Auszeit von seinem nervenaufreibenden Job nehmen, muss dann aber doch einen unvorhergesehenen und spektakulären Fall übernehmen. Spontan begegnet er bei einer Psychologin einem Mann – Alexander. Er hatte eine thailändische Frau geheiratet; die Beziehung der beiden geht durch eine Krise. Das liegt einerseits daran, dass Alexanders Ehefrau Suna in der Escort-Branche arbeitet, andererseits aber auch daran, dass Alexander die thailändische Familie seiner Frau finanziell nicht unterstützen will. 

Suna fasst einen folgenschweren Beschluss: Sie will mit der gemeinsamen Tochter Elara nach Thailand ziehen. Was zunächst Alexander gegenüber als Urlaub getarnt wird, soll eine dauerhafte Ausreise werden. Kurze Zeit später kehrt Suna nach Deutschland zurück – und begegnet dort Alexanders Exfrau, die Suna im Affekt erschlägt. Plötzlich merkt Alexander: Seine Tochter ist verschwunden – Hilfe in der ausweglosen Situation kommt vom Privatermittler Malik. Er erklärt sich bereit, nach Thailand zu reisen und Elara zurück zu ihrem Vater zu bringen. 

„Das gestohlene Kind“ von Tamer Bakiner trägt autobiographische Züge: Der Autor arbeitet tatsächlich als Privatermittler, auch in der Realität beschäftigt er sich viel mit Kindesrückführungen. Mit seinem Thriller ist ihm eine packende Story gelungen, bei der sich Realität mit Fiktion vermischt. Er schafft es, den Spannungsbogen aufzubauen, ohne die menschlichen Seiten des Dramas unbeleuchtet zu lassen. „Das gestohlene Kind“ unterhält, stellt aber auch wesentliche Fragen, die der Leser letztlich für sich selbst beantworten muss. 

Tamer Bakiner mit Matilda Walzer: Das gestohlene Kind
Knaur 2019, 365 Seiten, EUR 14,99

Mord in Cornwall

Von Benedikt Bögle

Copyright: Penguin

In einem Fischerdorf an der Küste Cornwalls wird eine Frauenleiche gefunden; sie ist über die Klippen in den sicheren Tod gestürzt. Selbstmord – so erklären sich die Dorfbewohner den Tod der jungen Frau. Nur Mary, eine Freundin der Toten, zweifelt daran. Niemals, so glaubt sie, hätte ihre Freundin sich umgebracht, niemals hätte sie auch nur die gefährliche Stelle an den Klippen aufgesucht, vor der sie sich schon als Kind fürchtete. In ihrer Not wendet sich Mary an Simon Jenkins. Der ehemalige Londoner Polizist lebt nach einem Unfall an der Küste Cornwalls und widmet sich ganz der Malerei. Er zögert zunächst, hinter dem Rücken der Polizei zu ermitteln, gibt dem Druck von Mary dann aber schließlich nach. 

Die Sache wird undurchsichtiger, als eine weitere junge Frau stirbt – an Selbstmord oder einen Unfall ist hier nicht zu denken, vielmehr sieht alles nach einem Ritualmord aus. Und schließlich verschwindet Mary selbst. Wer könnte dahinter stecken? Der skrupellose Investor, der ihr kleines Haus um jeden Preis kaufen möchte? Oder ihr aus Deutschland angereister Exfreund? In letzter Minute kann der ehemalige Ermittler Jenkins das Rätsel lösen. 

„Klippentod“ von Ian Bray – das Pseudonym eines deutschen Journalisten – folgt klassischen Krimi-Topoi. Da ist der persönlich gescheiterte Ermittler, der ständig mit seiner Vergangenheit konfrontiert wird, die Protagonistin, die in gewisser Weise ebenfalls vor ihrer Vergangenheit geflohen ist, der enttäuschte und übergriffige Exfreund. Da sind die zunächst Verdächtigen, die sich am Ende als Finte herausstellen ebenfalls wie der überraschend hinzukommende, neue Verdächtige. All das könnte überzeugen, ist am Ende aber doch ein wenig zu klischeehaft, beinahe lehrbuchartig. Dazu kommt die ebenfalls weitgehend beliebte Idee, das Geschehen an einen Sehnsuchtsort zu verfrachten und bei den Lesern so ein Gefühl von Urlaub zu wecken – in diesem Falle ist es die englische Küste. Im Gesamten kann dieser Krimi durchaus unterhalten, wenngleich er in weiten Teilen etwas zu langatmig und ausholend erscheint. 

Ian Bray: Klippentod. Ein Cornwall-Krimi
Penguin 2021, 559 Seiten, EUR 11 

Grausames Erbe

Von Benedikt Bögle

Copyright: Heyne

Hedda Laurent ist tot – und hinterlässt ein gewaltiges Vermögen. Wer aber soll Erbe der zahlreichen Wohnblöcke in Berlin werden? Ihr Zwillingsbruder, ihr Ehemann oder eines der vier Kinder? Hedda hat einen ungewöhnlichen Weg gewählt: Die ganze Familie – einschließlich der Partner ihrer Kinder – soll in einem Wettstreit um das Erbe kämpfen. Wer in zahlreichen Kämpfen die meisten Punkte davonträgt, hat gewonnen und wird Heddas Alleinerbe. Von Anfang an kommt dieses Spiel der Familie seltsam vor – doch sie beugen sich dem letzten Willen der verstorbenen Mutter. Anfangs sind die Wettkämpfe auch recht harmlos, sie könnten der Phantasie von Kindern entspringen: Wettlaufen, Wettessen, Wetttauchen. Stück für Stück aber werden die Aufgaben ernster und gefährlicher – lebensgefährlich gar am Ende. 

„Der Nachlass“ von Jonas Winner ist ein packender Roman. Von Anfang ab schwebt ein dunkles Geheimnis über der Familie – wie dunkel, wird sich erst am Ende des Thrillers lüften. Nicht nur die Aufgaben werden immer grusliger, plötzlich sterben Menschen auf dem Grundstück der Familie Laurent. Mitten in einem Berliner See schwimmt die Insel der Familie, auf ihr die riesige Villa. Durch einen plötzlichen Wintereinbruch werden die im Wettkampf vertieften Familienmitglieder auf der Insel eingeschlossen. Wer ist für die Tode verantwortlich? Ein Fremder, oder ist es einer von ihnen? 

Dieser Plot erinnert stark an Agatha Christies „Mausefalle“: Auch dort sterben in einem durch Schnee eingeschlossenen Haus nach und nach die Gäste – und auch dort drängt sich die bittere Frage nach dem Täter auf. Ist es ein Fremder oder „einer von uns“? Dieses Motiv wird von Winner gekonnt aufgegriffen. Er versteht es, seine Leser bis zur letzten Seite zu fesseln und mit immer neuen Wendungen in seinen Bann zu ziehen. Ein guter Plot, eine gute Umsetzung. Kurzum: Ein gelungener Thriller, der nichts für schwache Nerven ist.

Jonas Winner: Der Nachlass. Für Rache ist es nie zu spät
Heyne 2021, 350 Seiten, EUR 12,99

Lehrbuch zum Zwangsvollstreckungsrecht

Von Benedikt Bögle

Copyright: Nomos

„Zwangsvollstreckungsrecht“ von Malte Kornol und Carsten Wahlmann, erschienen bei Nomos, bietet einen gute Einführung und Vertiefung in die Thematik der Zwangsvollstreckung. Die Autoren haben einen fein untergliederten Band vorgelegt, dem man jederzeit folgen kann: Auf die Art und Wiese der Vollstreckung gehen die beiden Autoren ebenso ein wie auf die klausurträchtigen Rechtsbehelfe gegen die Zwangsvollstreckung. Sie schaffen es – auch mit vielen Beispielen und Skizzen – die doch eher trockene Materie ganz ansehnlich aufzubereiten. Besonders hervorzuheben ist die kurze Einführung am Beginn des Bandes; sie wirf einen ersten Schlagschatten auf den vollständigen Stoff, der dann Stück für Stück präsentiert wird. Sprachlich ist den Autoren jederzeit zu folgen, auch inhaltlich bemühen Sie sich, die schwierige Materie so gut es geht darzubieten. Schade einzig: Zwei Kapitel – das zum „Immobiliarzwangsvollstreckungsrecht“ und die „Einführung in das Insolvenzrecht“ – finden sich nicht im Buch, sondern auf der Verlagshomepage. Das irritiert. Wenn man ein Buch kauft, entscheidet man sich ja bewusst gegen ein ebook oder andere Formen technischer Darstellung. Man möchte das gedruckte Buch in Händen halten und nicht auf Downloads verwiesen werden. Das ist schade – ansonsten aber ist der Band nur zu empfehlen!

Malte Kornol / Carsten Wahlmann: Zwangsvollstreckungsrecht
Nomos, 2. Aufl. 2017, 354 Seiten, EUR 15,90