Geschichten aus dem Knast

Von Benedikt Bögle

Gefängnisse gelten als abgeschlossene Systeme. Von Außen kann man sich kaum vorstellen, wie das sein mag: Im Gefängnis sitzen, für Jahre hinter schwedischen Gardinen. Joe Bausch ist einer, der weiß, wie das System Gefängnis funktioniert. Nicht, weil er Insasse wäre – Bausch war Arzt im Gefängnis Werl in Nordrhein-Westfalen, 32 Jahre lang bis zu seiner Pensionierung Ende 2018. Neben seiner medizinischen Karriere ist Bausch auch als Schauspieler bekannt, vor allem als Gerichtsmediziner im Kölner Tatort. Mit „Gangster Blues. Harte Geschichten“ ist nun schon das zweite Buch des Arztes erschienen, das sich mit dem Alltag im Gefängnis beschäftigt. Erschienen ist es bei Ullstein.

Harte Geschichten“ ist eine Sammlung von Einblicken, die sich weder auf die medizinische Arbeit noch die Person Bauschs, sondern auf die Biographie der Gefangenen bezieht. Bausch nimmt wahre Geschichten auf, spinnt sie aber weiter, entwickelt sie. Entstanden ist dadurch ein wohl durchaus realistischer Einblick in Gefängnisse, aber auch eine spannende Ansammlung von Kurzgeschichten – schockierend, empathisch, berührend. Da ist das Lebensbild eines Insassen, der – womöglich, es bleibt offen – unschuldig im Gefängnis sitzt. Keiner nimmt ihm seine Unschuldsbeteuerungen ab, jeder hält ihn für einen brutalen Mörder. Er strebt die Wiederaufnahme seines Verfahrens an, scheitern aber mit seinem Antrag.

© Ullstein-Verlag

Da ist auch die Story eines einsitzenden Verbrechers, der durch seinen älteren Zwillingsbruder in die Kriminalität gezogen wurden und sich nie wirklich von seinem Einfluss emanzipieren konnte. Bausch berichtet von Körperverletzungen im Gefängnis wie auch von der Vergewaltigung einer Kollegin. Ergreifend ist die Geschichte über einen Insassen, der sein Gnadengesuch nur unterschreiben müsste, so gut wie sicher freikäme, sich aber konsequent weigert. Bausch kann nur mutmaßen: Der Verurteilte will nicht freikommen, sondern seine Schuld durch den Gefängnisaufenthalt sühnen. Oder hat er nur Angst vor der mittlerweile fremd gewordenen Freiheit?

Gangster Blues“ ist ein ergreifendes Buch. Bausch schafft es, nüchtern und knapp zu erzählen und gleichzeitig eigene Empfindungen und Mutmaßungen nicht auszusparen. So wird das Buch lebendig, die Erzählungen realistisch. Unausgesprochen stellt sich dem Leser automatisch die Frage nach Schuld und Unschuld, Vergebung und Rehabilitation. Es enthält auch leise Kritik an den Umständen des deutschen Strafgefangenenvollzugs, ohne zu moralisieren, ohne zur politischen Schrift zu werden. Lesenswert von der ersten bis zur letzten Seite.

Joe Bausch mit Bertram Job: Gangster Blues. Harte Geschichten
Ullstein exra, 3. Auflage 2018
237 Seiten, EUR 20

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