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Boecken: BGB Allgemeiner Teil

Von Benedikt Bögle

Der Allgemeine Teil des BGB (BGB AT) ist nicht nur für unsere Rechtsordnung von überragender Bedeutung, sondern nimmt auch im juristischen Examen immer wieder eine prominente Rolle ein. Gute Lehrbücher gibt es daher zu Hauf – etwa von Winfried Boecken: „BGB – Allgemeiner Teil“ ist bei Kohlhammer in der „Studienreihe Rechtswissenschaft“ erschienen. Wie üblich, beginnt der Autor mit allgemeinen Einleitungen, bevor es zum „Kern“ des BGB AT geht: Willenserklärung, Vertragsschluss, Stellung der Minderjährigen.

Copyright: Kohlhammer

Das Lehrbuch ist an sich gut aufgebaut und verständlich geschrieben. Wenig hilfreich sind allerdings die zahlreichen Literaturempfehlungen zu Beginn jeden Abschnitts. So werden zwar wichtige Gerichtsentscheidungen geboten – was schon sehr positiv hervorzuheben ist. Seltsam aber sind die kurzen Beschreibungen der Gerichtsurteile. So heißt es etwa zu BGHZ 97,372: „Weder vertraglicher noch deliktischer Schadensersatzanspruch des Partners einer eheähnlichen Lebensgemeinschaft bei Geburt eines Kindes infolge abredewidrig unterlassener Empfängnisverhütungsmaßnahmen, Empfängnisverhütungsabrede ist einer rechtsgeschäftlichen Regelung nicht zugänglich“.

Das Lehrbuch bietet am Eingang etwa Ausführungen zur Falllösung und juristischen Methode. Man wird daher annehmen dürfen, dass sich der Band gerade auch an Studienanfänger richtet – für diesen Fall dürften viele Informationen aber etwas zu hochgestochen sein. An sich handelt es sich um ein gutes Lehrbuch, das Layout ist aber leider nicht gelungen und viel zu gedrängt. Positiv: Am Ende des Bandes werden Definitionen und Schemata geboten.

Winfried Boecken: BGB – Allgemeiner Teil
Kohlhammer, 3. Aufl. 2019, 472 Seiten, EUR 34

Deutsche Kolonialgeschichte

Von Benedikt Bögle

In Deutschland, so wenigstens erscheint es mir, spielt die Kolonialzeit keine große Rolle mehr. Im Schulunterricht wird das Thema nur gestreift und auch unter Akademikern dürften Details dieser Zeit nur wenig bekannt sein. Wo hatte Deutschland denn Kolonien? Wie waren die Kolonien organisiert? Und vor allem: Wie und wo hat Deutschland Schuld auf sich geladen? Fragen, die der Journalist Bartholomäus Grill nun beantwortet. Grill berichtete aus Afrika für die Zeit, seit 2013 ist er Afrika-Korrespondent für den Spiegel. Das Thema liegt damit nahe. 

Coypright: Siedler

„Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte“ ist bei Siedler erschienen. Es handelt sich dabei weniger um eine zusammenhängende, historisch aufgebaute Monographie als vielmehr um einzelne Essays, denen man den stilsicheren Journalisten durchgängig anmerkt. Einzelne Texte bieten autobiographische Stücke erster Begegnungen mit den deutschen Kolonialherren, andere berichten von Erfahrungen vor Ort oder skizzieren bestimmte Entwicklungen der Kolonialisierung. 

Spürbar bliebt: In Kamerun und im Kongo, in Deutsch-Südwestafrika wie in Deutsch-Ostafrika, ebenso aber auch im „Pachtgebiet“ in China oder in „Kaiser-Wilhelmsland“ auf Papua-Neuguinea haben die deutschen Kolonialherren in die Einheimischen unterdrückt, bekämpft und so Schuld auf sich geladen. Grills Werk ist damit auch eine Aufforderung an die ganze deutsche Gesellschaft, sich mehr mit jener Epoche zu beschäftigen – ohne zu platt oder einsichtig zu berichten. Ein hervorragendes Buch. 

Bartholomäus Grill: Wir Herrenmenschen. Unser rassistisches Erbe: Eine Reise in die deutsche Kolonialgeschichte
Siedler, 2. Aufl. 2019, 299 Seiten, EUR 24

Lehrbuch zum bayerischen Staatsrecht

Von Benedikt Bögle

Lehrbücher zum öffentlichen Recht in Bayern sind bis heute Mangelware. Zu vielen Rechtsgebieten gibt es eigentlich nur ein Standard-Lehrbuch, während es zu anderen Rechtsgebieten immer eine beinahe unüberschaubare Anzahl an mehr oder weniger guten Lehrbücher gibt. Sicherlich, der Allgemeine Teil des BGB ist für alle deutschen Studenten relevant, das Baurecht in Bayern eben nur für die bayerischen – für die aber ist es relevant; das öffentliche Recht besteht ja auch in seiner Examensrelevanz zumindest neben dem Grundgesetzt und dem Europarecht beinahe nur aus bayerischen Normen, die beherrscht werden müssen.

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So auch das bayerische Staatsrecht: Die Bayerische Verfassung ist Pflichtstoff im Examen. Wer sich damit näher auseinandersetzten will und muss, kann sich an ein Lehrbuch von Josef Franz Lindner halten: „Bayerisches Staatsrecht“ ist in zweiter Auflage bei Boorberg erschienen. Der Aufbau ist, wie man es aus Lehrbüchern zum deutschen Staatsrecht kennt: Am Beginn stehende klärende Fragen, etwa zum Verhältnis der bayerischen Verfassung zu anderen „Normebenen“, also zum Grundgesetz und zum Europarecht. Es folgt das Staatsorganisationsrecht in Bayern, das Verfahren zur Normsetzung und schließlich auch die Grundrechte. Am Ende steht dann das Verfassungsprozessrecht. Dieser Band ist sehr zu empfehlen!

Josef Franz Lindner: Bayerisches Staatsrecht
Boorberg, 2. Aufl. 2019, 257 Seiten, EUR 25,80

Ellen Sandberg: Die Vergessenen

Von Benedikt Bögle

Als eine alte Münchner Dame mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus eingeliefert wird, überschlagen sich die Ereignisse: Irgendjemand scheint großes Interesse an den persönlichen Sachen der alten Frau zu haben. Sie scheint Akten zu besitzen, die einen einflussreichen und vermögenden Mann belasten könnten. Ihr Neffe macht sich auf die Suche nach den Akten – und muss sein Interesse mit dem Leben bezahlen. Wer hat ihn umgebracht? Wer musste die Unterlagen um jeden Preis verschwinden lassen?

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Zwei Personen gehen gleichzeitig dieser Frage nach: Vera Mändler, Nichte der alten Dame, und Manolis, eine Mischung aus privatem Ermittler und Schlägertyp. Langsam klärt sich die Sache auf: Die alte Dame arbeitete zu Kriegsende in einer Einrichtung, in der gezielt kranke und behinderte Menschen getötet wurden. Nur: Was würden die Akten beweisen – Schuld oder Unschuld der Frau?

Ellen Sandberg erzählt in „Die Vergessenen“ eine erfundene Geschichte, die in großen Teilen aber wahr sein könnte. Es geht um Verbrechen der Nationalsozialisten, die bis heute nicht im Mittelpunkt der öffentlichen Wahrnehmung stehen. Die Autorin überzeugt mit einer spannenden Geschichte, relevanten Themen, interessanten Protagonisten. Am Ende steht die Frage: Was eigentlich ist Gerechtigkeit?

Ellen Sandberg, Die Vergessenen
Penguin 2019, 509 Seiten, EUR 10

Reden aus der Weltgeschichte

Von Benedikt Bögle

Reden haben diese Welt verändert und tun das bis heute. Es sind die großen Reden, die wir automatisch mit großen Männern und Frauen der Geschichte verbinden: Die Rede Martin Luther Kings, die in seinem immer wiederholten Satz „I have a dream“ gipfelt. Die geniale, ausgewogene, wortgewandte Rede Richard von Weizsäckers, die er zum vierzigsten Jahrestag der Kapitulation Deutschlands am 8. Mai 1985 vor dem Deutschen Bundestag hielt. Oder auch die Rede Kennedys: „Ich bin ein Berliner.“ Einige der wichtigsten Reden der Geschichte versammelt nun ein hervorragender Band: „Reden, die unsere Welt veränderten. Mit einer Einführung von Simon Sebag Montefiore“ ist im Insel-Verlag erschienen.

Copyright: Insel Verlag

Im Vorwort schreibt Simon Sebag Montefiore: „Eine große Rede muss nicht unbedingt die Wahrheit ihrer Zeit erfassen; sie kann auch Ausdruck einer großen Lüge sein.“ Wie wahr – folgerichtig versammelt dieser Band nicht nur die großen und bewundernswerten Reden der Weltgeschichte, sondern die berühmten Reden, die unsere Welt veränderten. So kommt in diesem Band auch Adolf Hitler zu Wort oder Josef Stalin. Das wirkt sehr seltsam für einen Band, der mit der Bergpredigt als Rede Jesu beginnt. Und doch: Auch und gerade die Reden Hitlers und Stalins haben diese Welt geprägt – wenngleich natürlich nicht zum Guten, sondern zum Bösen; sie führten nicht in die Zukunft, sondern in den Abgrund. Dieser Band zeigt, was Rhetorik vermag – in welche Richtung auch immer. Insofern: Eine schöne Sammlung, die sicherlich auch subjektiv geprägt ist. Man hätte etwa Cicero hier vermuten dürfen, aber nötig ist das wohl nicht. Neben den Reden beziehungsweise Ausschnitten aus ihnen bietet dieser Band auch historische Hinführungen und Kurzbiographien der Redner. Das Nebeneinander Bewundernswerter wie Verabscheuungswürdiger Reden ist zugleich eine Verneigung wie auch eine Warnung vor der Rhetorik.

Reden, die unsere Welt veränderten. Mit einer Einführung von Simon Sebag Montefiore
Insel-Verlag 2019, 335 Seiten, EUR 20

Alles mit Äpfeln

Von Benedikt Bögle

Äpfel gehören mit Sicherheit zu den wichtigeren Obstsorten, die wir in Europa kennen, essen und lieben. Apfelsaft und Apfel pur, Apfelkuchen und Apfelmus – dabei hat der Apfel deutlich mehr zu bieten. Das zeigt ein im at-Verlag erschienenes Kochbuch: „Äpfel. Rezepte aus dem Obstbgarten“ von James Rich. Der Autor ist mit Äpfeln aufgewachsen, wie er im Vorwort schildert: „Meine persönliche Verbindung zu Äpfeln geht zurück in meine Kindheit, denn ich bin im ländlichen Somerset aufgewachsen, im Südwesten Englands, wo es überall Apfelwiesen gibt und der englische Cider zu Hause ist.“

Copyright: at-Verlag

Das Kochbuch wartet denn auch mit einem sehr reichen Erfahrungsschatz auf, was Äpfel angeht. Sicherlich, da sind erwartbare Rezepte dabei, die man dennoch nicht missen möchte: Müsli mit Äpfeln, Apfelspalten im Salat. Aber doch auch weit mehr: Haben Sie schon einmal Muscheln mit Cider gekocht? Oder Puten-Apfel-Burger gegessen, Apfel in der Suppe gekostet? Oder etwa Schweinebauch mit eingelegtem Apfel kombiniert? Das Kochbuch überrascht mit einem schier endlosen Ideenreichtum, was die einfache Frucht angeht.

Die Rezepte sind einfach gehalten, die Bilder atmen den Duft einer ebenso einfachen wie raffinierten Landküche. Die Begeisterung des Autors für das Lebensmittel Apfel ist ständig präsent – gleich in welcher Form: Als purer Apfel oder als Cider, in Kombination mit Süßem oder Herzhaftem. Dieses Kochbuch sei allen empfohlen, die einmal etwas neues ausprobieren wollen und dabei auf eine ebenso einfache wie überall erhältliche Zutat zugreifen möchten. Gerade in der kalten Jahreszeit passen diese Gerichte wunderbar!

James Rich: Äpfel. Rezepte aus dem Obstgarten
at-Verlag 2019, 223 Seiten, EUR 25

Geschichte des Arbeitsrechts

Von Benedikt Bögle

Das Arbeitsrecht, wie es heute ist, gehört zu einem der seltsamsten Rechtsgebiete, wenn man das so formulieren darf. Die Rechtsnormen finden sich höchst verstreut. So findet sich die grundlegende Norm zum Arbeitsrecht im BGB (§ 611a), während sich zum besonderen Kündigungsschutz Normen im SGB IX. Buch oder im Mutterschutzgesetz finden. Der Mindestlohn ist in seinem eigenen Buch geregelt, ebenso die Betriebsverfassung. Für manche, durchaus wichtige Fragestellungen, findet sich gleich gar keine Norm: So etwa kann ein Arbeitnehmer nach ganz herrschender Meinung verlangen, eine unrechtmäßige Abmahnung aus seinen Unterlagen zu entfernen. Nur: woraus?

Copyright: C. H. Beck

Dieser „Flickenteppich“ spiegelt in gewisser Weise die Geschichte des Arbeitsrechts in Deutschland wieder. Der emeritierte Professor für Arbeitsrecht Reinhard Richardi geht dieser Geschichte nun in einem eigenen Band nach: „Arbeitsrecht im Wandel der Zeit. Chronik des deutschen Arbeitsrechts“ ist bei C.H. Beck erschienen. Der Professor beginnt bei den Beratschlagungen zum BGB und zeigt, dass schon damals überlegt wurde, das Arbeitsrecht in das BGB einzubetten, dies aber letztlich nicht durchgeführt wurde.

Es folgen historische Abrisse aus der Weimarer Republik, aus der Zeit des Nationalsozialismus, der BRD bis zur und nach der Wende. Ein spannendes Buch, hervorragend geschrieben, sicherlich für Fachleute interessant – aber auch darüber hinaus einem interessierten Publikum sehr zu empfehlen.

Reinhard Richardi: Arbeitsrecht im Wandel der Zeit. Chronik des deutschen Arbeitsrechts
C.H. Beck 2019, 194 Seiten, EUR 29,80