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Monumentale Geschichte des Mittelmeers

Von Benedikt Bögle

Bei der Geschichte des Mittelmeers denkt man landläufig an den Fall Trojas durch die Griechen – so es ihn denn überhaupt gegeben haben mag. Man denkt an die griechischen Stadtstaaten als Wiegen von Politik, Demokratie und Philosophie. Oder man denkt an den Aufstieg Roms und seine Eroberungsfeldzüge in der gesamten bekannten Welt rund um das Mittelmeer. All das ist die Geschichte des Mittelmeerraumes, der Länder die es umgeben und der Menschen, die an ihm wohnten. Aber eben nicht nur. Die Geschichte des Mittelmeeres dauert schon viel länger an. Sie aufzudecken hat sich Cyprian Broodbank zum Ziel gemacht, er legt eine Vorgeschichte des mediterranen Raumes vor: „Die Geburt der mediterranen Welt. Von den Anfängen bis zum klassischen Zeitalter“, in deutscher Übersetzung erschienen bei C.H. Beck.

Copyright: C.H. Beck

Der Autor selbst gibt zu: „Das ist ein Buch, von dem mir viele Menschen, mit denen ich darüber gesprochen habe, abgeraten haben; ein solches Buch könne man nicht schreiben, zumindest sollte man es nicht. Ob sie Recht damit hatten, müssen meine Leser entscheiden.“ Nein, sie hatten nicht Recht – so unwahrscheinlich es klingen mag. Denn Broodbank legt beinahe 800 Seiten vor – den Anhang nicht mitgerechnet -, schafft es aber gleichzeitig seinen sehr lesenswerten Stil über diese lange Etappe zu retten. Seine Ausführungen beginnen am Anfang, wirklich ganz am Anfang. Cyprian Broodbank schreibt über Tektonik, Plattenbewegungen, die das Mittelmeer und seinen Raum so formten, wie wir ihn heute kennen.

Es folgen viele Kapitel über die Entwicklung von Flora und Fauna, über die ersten Menschen am Meer, die Neanderthaler, den Cro-Magnon-Menschen und den Aufbau von Zivilisationen und Handelswegen am Mittelmeer. So haben Ägypter und Griechen Platz in diesem Buch wie auch Israeliten und Phönizier, Karthager und Römer. Cyprian Broodbank beschreibt auch archäologische Details verständlich und überlädt den Leser – kaum zu glauben beim Umfang des Werkes – nicht mit unnötigem Wissen. Ein hervorragendes, monumentales Werk.

Cyprian Broodbank: Die Geburt der mediterranen Welt. Von den Anfängen bis zum klassischen Zeitalter
C.H. Beck 2018, 951 Seiten, EUR 44

Kultur der französischen Küche

Essen ist Kultur, ja: ein kulturelles Phänomen. Jeder isst täglich – damit dient das Essen nicht nur der reinen Nahrungsaufnahme, sondern auch der Gemeinschaft. Essen spiegelt gesellschaftliche Stände und Entwicklungen wieder, am Essen kann man wie an wohl nur wenig anderen Phänomenen die Entwicklung einer Kultur nachvollziehen. Das gilt für jedes Land und jede Küche – wohl ganz besonders aber für die französische. Auf eine Reise in die Welt des französischen Essens begibt sich der Restaurantkritiker und Universitätsdozent Peter Peter: „Vive la cuisine. Kulturgeschichte der französischen Küche“ ist bei C.H. Beck erschienen.

Peter erzählt die Geschichte der französischen Küche, beginnend mit der Zeit, in der Asterix und Obelix gelebt haben könnten. Weiter geht es mit Karl dem Großen und dem Einfluss der Kirche – vor allem durch Fastengebote – auf die Kultur des Essens in Frankreich. Die Politik beeinflusst, wie gegessen wird: Der opulente Hofstaat von Versailles etwa entwickelte Tischsitten und Rollenverteilungen in den Küchen. Die französische Revolution führte zur Etablierung vieler Restaurants in Paris: Zum einen waren viele Küchenchefs adliger Familien von heute auf morgen arbeitslos, andererseits verfügte die neue gehobene Schicht „eher selten über Schlösser oder großzügige Salons und verlegte ihre Speisen in die Öffentlichkeit“, wie Peter Peter schreibt.

Copyright: C.H. Beck

Unterbrochen wird der historische Streifzug immer wieder durch kurze Kapitel über einzelne Speisen: Meeresfrüchte und Champagner, Stopfleber und Käse. Oder Pommes frites, die möglicherweise in Paris aus der Armut heraus geboren wurde: Kartoffeln und billige Fettreste gab es leicht einmal. Die Kombination aus beiden: Pommes, weltbekannt, vielgeliebt. Auch einzelne Rezepte schaffen es in das kulturwissenschaftliche Buch. Beginnend mit einem Essigbraten – das Rezept stammt aus dem sechsten Jahrhundert – bis hin zu „Brie de meaux mit Bourbonvanille“ aus dem Jahr 2012.

Peter Peter hat ein hervorragendes Buch vorgelegt, das beim Lesen – so informativ es auch ist – einfach Spaß macht. Die vielen Bilder unterstreichen die Wirkung des Geschriebenen und entführen in die Welt der ganz hohen wie auch der alltäglichen Küche, an die Herde der Reichen wie der Mittellosen. Es lebe die französische Küche!

Peter Peter: Vive la cuisine. Kulturgeschichte der französischen Küche.
C.H. Beck 2019, 237 Seiten, EUR 22

Frühe Christen – nur Verbrecher?

Von Benedikt Bögle

Das Bild der frühen Christen in den ersten Jahrhunderten wird meist sehr homogen gezeichnet: Gemeinden wachsen, christliches Leben wirkt durch Gleichheit und gelebte Liebe anziehend, die Gläubigen leiden unter den verheerenden Christenverfolgungen. Diesem Bild widerspricht die Autorin Catherine Nixey nun mit Nachdruck: „Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten“ ist in der Deutschen Verlags-Anstalt in deutscher Übersetzung erschienen. Christen werden von Märtyrern zu verbrecherischen Räuberbanden, Kulturzerstörern und Vernichtern einer toleranten Gesellschaft.

War die antike Gesellschaft so tolerant, möchte man einwenden? Gab es denn nicht immer wieder im ganzen römischen Reich Verfolgungen von Christen? Zeichnet sich dadurch eine tolerante Gesellschaft aus? Sei alles nicht so schlimm gewesen, erwidert Nixey. Die Verfolgungswellen seien bei weitem nicht so riesig gewesen, wie antike christliche Quellen es nahelegen. Darin mag man der Autorin sogar zustimmen. Nur: Es gab die Christenverfolgungen eben trotzdem. Nixey zeichnet das Bild geradezu milder Verfolger, die den Christen immer wieder goldene Brücken zu bauen versuchten, sie doch noch zum Opfer an die heidnischen Götter bewegen wollten, um ihren Tod zu verhindern. Nur: Dennoch mussten die Christen sterben, wenn sie sich dem vielleicht sogar gut gemeinten Zureden verweigerten und unter keinen Umständen den Götter Opfer darbringen wollten. Das nennt man religiöse Verfolgung. Und die gab es in der Antike, auch wenn sie nicht in den dramatischen Ausmaßen erfolgt sein sollte, wie es Bücher und Filme wie „Quo vadis“ nahelegen.

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Die frühen Christen hätten einen großen Teil der antiken Literatur und Kunst zerstört, schreibt Nixey weiter. Auch hier wird man der Autorin wohl in einem gewissen Maß zustimmen müssen. Dass die Christen der ersten Jahrhunderte nicht immer zimperlich mit den religiösen Stätten des alten Glaubens umgegangen sind, wird nicht immer zu bestreiten sein und ist ein beschämendes und intolerantes Erbe. Und trotzdem erhielt sich ein großer Teil der antiken Literatur gerade durch die Bibliotheken und Schreibwerkstätten der christlichen Klöster.

Wobei – auch die scheinen für Nixey nicht recht viel mehr als Horden von Straßenräubern gewesen zu sein. Nichts ist zu spüren von der Gottsuche dieser Menschen, vom Willen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Die Historikerin schafft es, ein schwarz-weißes Bild der frühen Christen zu zeichnen. In vielem hat sie wohl recht und dann ist dieses Erbe für die Christen heute tatsächlich beschämend. In vielem aber vergisst die Autorin das Gute der frühen Christen, das die Verbrechen vielleicht nicht zu rechtfertigen mag, für ein ausgewogenes Bild aber notwendig wäre.

Heiliger Zorn“ bringe Licht in die traurige Geschichte von intellektueller Monokultur und religiöser Intoleranz, urteil The New York Times. The Guardian sieht in Nixeys Buch eine großartige Geschichte, die gut erzählt wird. 2017 wurde das das Buch sogar mehrfach zum „Book of the year“ gekürt – ein Urteil, das kaum zu überzeugen vermag.

Catherine Nixey: Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten
Deutsche Verlags-Anstalt 2019, 397 Seiten, EUR 25

Einführung in das Grundgesetz

Von Benedikt Bögle

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“. So nüchtern, gleichzeitig aber dramatisch und inhaltlich wohl kaum greifbar beginnt das deutsche Grundgesetz, die Basis deutscher Demokratie und Staatsgewalt. Als vor 70 Jahren die deutsche Verfassung beschlossen und verkündet wurde, stand das Land vor Trümmern. In Ost und West gespalten, vom Krieg verheert, standen die Mütter und Väter des Grundgesetzes vor der gewaltigen Aufgabe, der neuen Bundesrepublik ein rechtliches Fundament zu geben. Sie haben die Aufgabe bewältigt. Die Geschichte und den Inhalt der deutschen Verfassung beleuchtet Christoph Möllers: „Das Grundgesetz“, in zweiter Auflage erschienen bei C.H. Beck (Beck Wissen).

Möllers ist Professor für Öffentliches Recht in Berlin. Aus seinen Zeilen tönt bisweilen geradezu eine Liebe zum Grundgesetz, wenn er schreibt: „Wäre das Grundgesetz ein Haus, es sähe aus wie einer der schönen und leichten Zweckbauten, die wir heute mit dem besseren Teil der deutschen Architektur der fünfziger Jahre verbinden und die einen späten Ausläufer in dem Ende der sechziger Jahre fertiggestellten, wunderbaren Gebäude des Bundesverfassungsgerichts von Paul Baumgarten findet. Das Grundgesetz ist in einer schmucklosen, aber schönen Sprache gehalten, der das anspruchsvolle Anliegen zugrunde liegt, jedem Satz einen eigenen normativen Gehalt zu geben, also ohne rhetorisches Ornament auszukommen, und doch nicht in die juristische Zwanghaftigkeit des Gesetzgebungsjargons zu verfallen.“

Copyright: C.H. Beck

Ein gutes Grundgesetz, um das anfangs gerungen wurde. Würde eine eigene westdeutsche Verfassung nicht die deutsche Trennung zementieren? Sollte die Verfassung daher nicht ein Provisorium sein und bleiben, das dereinst nach der Wiedervereinigung ersetzt würde? Die Wiedervereinigung kam, das Grundgesetz ist geblieben. Auch die förderale Struktur der Bundesrepublik war anfangs umstritten, eine direkte Wahl der Bundespräsidenten gefordert und diskutiert.

All das zeigt Möllers in seinem gut lesbaren und sehr fundierten Werk. Ergänzt werden seine historischen Ausführungen durch eine Lecture einzelner Normen des Grundgesetzes und Ausblicken auf aktuelle Herausforderungen. Ein gutes und gelungenes Buch, das hervorragend über das bedeutendste Gesetz unserer Republik informiert.

Christoph Möllers: Das Grundgesetz. Geschichte und Inhalt
C.H.Beck 2019, 2. Aufl., 127 Seiten, EUR 9,95

Jura für Kinder?

Von Benedikt Bögle

Kann man Kindern unser kompliziertes Rechtssystem erklären? Kann man sinnvoll über Sachenrecht und Sicherungsverwahrung, Verwaltungsrecht und Aufgaben der Polizei schreiben? Man möchte es bezweifeln – und bezweifelt es zu Unrecht. Denn es funktioniert, wie Nicola Lindner in ihrem Buch „Jura für Kids. Eine etwas andere Einführung in das Recht“ unter Beweis stellt. Die dritte Auflage des Bandes ist nun bei C.H. Beck erschienen. Zu Beginn fragt die Jugendrichterin aus Frankfurt, was Recht überhaupt ist, weshalb eine Gesellschaft Recht braucht und wie Gesetze in Deutschland entstehen. Anschließend erläutert sie eben diese Gesetze.

Copyright: C. H. Beck

Lindner beschreibt den Ablauf vor deutschen Gerichten und scheut sich dabei nicht, auch auf die spezielle Gerichtsbarkeit und den Instanzenzug einzugehen. Oberflächlich bleibt bei ihr – natürlich im gesteckten Rahmen und mit Blick auf die Zielgruppe – gar nichts. Einfühlsam nähert sich die Richterin auch schwierigen Themen und schafft es, in wenigen Zeilen zu zeigen, womit sich etwa das Sachenrecht beschäftigt. Wie funktioniert unsere Verfassung? Welche Aufgabe hat das Bundesverfassungsgericht? Für Schüler besonders relevant dürfte das Recht der Schule sein: Welche Noten können gerichtlich überprüft werden? Wie sieht das mit dem Handy-Verbot an Schulen aus? Eine hervorragendes Werk, das tatsächlich nicht nur Kindern und Jugendlichen empfohlen werden kann, sondern sich wohl allen Altersgruppen als eine „Einführung in das Recht“ empfiehlt. Übersichtlich, handlich und doch fundiert.

Nicola Lindner: Jura für Kids. Eine etwas andere Einführung in das Recht
C.H. Beck, 3. Aufl. 2019, 224 Seiten, EUR 12,95

Kochbuch für Eheleute

Von Benedikt Bögle

Liebe – das ist bekannt – geht durch den Magen. Mit gutem und liebevoll zubereitetem Essen kann man seine Liebe und Wertschätzung ausdrücken oder einfach nur einen schönen Abend planen. Dieser Tatsache tragen die beiden Autorinnen Christiane Leesker und Vanessa Jansen mit einem Kochbuch Rechnung: „Just married. Das Kochbuch für frisch Verheiratete“, erschienen bei Riva. Mit vielen schönen Fotos in einer vielleicht leicht kitschigen Aufmachung präsentierten sie Gerichte, die für eine Ehe wichtig sein können.

© Riva

Den Anfang machen drei „Verwöhnmenüs“, bestehend aus Vorspeise, Hauptgang und Nachspeise – einmal in nahöstlicher Variante, einmal italienisch, einmal als frühlingshafte Gangfolge. Danach kommen Rezepte für das Frühstück im Bett, Snacks für Unterwegs oder den Serienmarathon zu Hause. Am Ende stehen nochmal Menüs: Versöhn-Menüs, falls es Streit geben sollte – auch hier kann Essen schlichten. „Just married“ ist ein schönes Kochbuch, mit etwas mehr süßen Gerichten, als man das üblicherweise erwartet.

Christiane Leesker und Vanessa Jansen: Just Married. Das Kochbuch für Frischverheiratete
Riva 2019, 175 Seiten, EUR 19,99

Der Frieden von Versailles

Von Benedikt Bögle

Vor bald 100 Jahren – am 28. Juni 1919 – wurde in Versailles der nach dem Ort der Unterschrift benannte Vertrag unterzeichnet. Damit sollte wieder Frieden herrschen in Europa, Frieden nach dem großen Ersten Weltkrieg, der so viele Opfer forderte. Die Geschichte lehrt: Von langer Beständigkeit war dieser Frieden nicht. Zwanzig Jahre später nur überzog Hitlers Verbrecherstaat Europa erneut mit einem noch verheerenderen Krieg. Immer wieder gaben Deutsche an, gerade wegen der belastenden, durch den Versailler Vertrag festgesetzten Reparationszahlungen Hitler gewählt zu haben. 100 Jahre nach dem Versailler Vertrag wirft der Historiker Eckart Konze einen vertieften Blick auf den Frieden: „Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt“ ist im Siedler-Verlag erschienen. Conze ist Professor für Neue und Neuere Geschichte an der Universität Marburg. Im vorliegenden Werk beschäftigt er sich eingehend mit den Verhandlungen, Ergebnissen und Nachwirkungen des Versailler Friedens.

Eckart Conze zeigt in seiner Monographie, dass die Friedensverhandlungen von Versailles an den großen Erwartungen eigentlich nur scheitern konnte. Der erste Weltkrieg hatte Europa verheert, nach seinem Ende brachen drei große Weltreiche zusammen: Das Osmanische 1922 und schon zuvor das russische Zaren- und das österreichische Kaiserreich. Diese großen Reiche, bestehend aus verschiedenen Kulturen und Sprachen, sollten in eine neue Ordnung überführt werden – ein Unternehmen, dass sich als schier unmöglich herausstellte. Zudem hatten sich die Völker in den Kolonien Hoffnungen auf nationale Selbstbestimmung gemacht – auch diese Hoffnung wurde letztlich zunichte gemacht .

Copyrigth: Siedler-Verlag

In der deutschen Wahrnehmung wirkt der Frieden von Versailles oft als Aushandlung allein des Friedens der Siegermächte mit Deutschland. Eckart Conze widerspricht: „Es ging um nicht weniger als die Neuordnung der Welt.“ Die Gründe für das Scheitern der von Versailles vorgesehenen neuen Ordnung sind vielfältig; dazu zählt etwa mangelndes Engagement der Amerikaner. Auswirkungen zeitige die Konferenz von Versailles bis heute, so stehe etwa der Konflikt im Nahen Osten auch in Zusammenhang mit der Konferenz, auf der schon die Frage nach einem jüdischen Staat und die Frage nach den Palästinensern Raum hatte. Am Ende des Werkes steht auch eine Warnung: „In Europa – und auch hier meint man Entwicklungen und Konstellationen der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts wiederzuerkennen – gefährden Dynamiken der Renationalisierung, oftmals begleitet von verharmlosenden Tarnvokabeln wie „Selbstbewusstsein“ und „nationales Interesse“, die Gemeinsamkeit und den Zusammenhalt der Europäischen Union.“ Mehr als Bedenkenswert.

Eckart Conze: Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt
Siedler 2018, 559 Seiten, EUR 30