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Einführung in die Erbschaftssteuer

Von Benedikt Bögle

Copyright: C.F. Müller

Eine hervorragende Einführung in das Erbschaftssteuerrecht bieten Wilfried Schulte und Mathias Birnbaum: „Erbschaftssteuerrecht“ ist in der Reihe „Schwerpunktbereich“ bei C.F. Müller erschienen. Die beiden Autoren nehmen den Leser vorsichtig bei der Hand und führen ihn in die Thematik des Erbschaftssteuerrechts ein. Zunächst stehen allgemeine Überlegungen zur Geschichte und Systematik sowie zu verfassungsrechtlichen und europarechtlichen Grundlangen. Anschließend geht es um die nach dem ErbStG vorgesehene Steuerlast und damit um die Fragen, worauf eigentlich eine Steuer gezahlt werden muss, wer diese zahlen muss, wie einzelne Wertgegenstände berechnet werden. Ein ausführliches Kapitel widmet sich zudem eigens der Unternehmensnachfolge im Erbschaftssteuerrecht. Dass die Autoren am Ende nicht nur das internationale Erbschaftssteuerrecht darstellen, sondern auch das Erbschaftssteuerrecht verschiedener Nationen (von Belgien über Frankreich bis in die Schweiz) kurz skizzieren, trägt völlig zurecht den immer bedeutender werdenden internationalen Bezügen Rechnung.

Dieser Band ist eine sehr gute Einführung in die Thematik. Viele Fälle machen den Stoff anschaulich, teilweise werden auch Prüfungsschemata geboten. Dabei sparen die Autoren auch nicht mit Kritik am Gesetzgeber, wenn sie bereits im Vorwort das geltende Recht kritisieren und skizzieren, einen „Neuanfang“ könne es im Erbschaftssteuerrecht nur geben, wenn einerseits bestehende Privilegien abgebaut werden, andererseits der Steuersatz abgesenkt wird. Dieser Band ist eine hervorragende Ergänzung zu dem ebenfalls bei C.F. Müller in der Reihe „Schwerpunkte Pflichtfach“ erschienenen Band zum Erbrecht von Michalski und Schmidt.

Wilfried Schulte / Mathias Birnbaum: Erbschaftssteuerrecht
C.F. Müller, 2. Aufl. 2017, 278 Seiten, EUR 25,99

Reformen in der Kirche

Von Benedikt Bögle

Copyright: Herder

Der Ruf nach Reformen in der Kirche wird laut, immer lauter. Er betrifft ganz unterschiedliche Bereiche des kirchlichen Lebens: Fragen der Organisation, der Disziplin, der Moral. Hinter diesen Fragen stehen aber immer auch theologische Fragestellungen. Es braucht, so scheint es, zunächst einmal eine Theologie der Reform, eine Methodologie. Eine solche legt der Dogmatiker Michael Seewald bei Herder vor: „Reform. Dieselbe Kirche anders denken“. Der Theologe fragt hier nicht nach einzelnen Reformen. „Es geht darum, den Spielraum des Möglichen für Reformen in der katholischen Kirche auszuloten“, schreibt Seewald. Was also ist möglich und was nicht? Was kann geändert werden und was nicht? Diese Frage sollte beantwortet sein, bevor man zur Reform einzelner Ordnungen innerhalb der Kirche schreitet. „Kann man dieselbe Kirche anders denken?“, fragt Seewald. Und damit gibt er die Richtung vor: Muss ich die Katholische Kirche zwingend so denken, wie wir es tun? Und andersherum gewendet: Was kann geändert werden, um gleichzeitig noch von „dieser Kirche“ zu sprechen und nicht von einer neuen Kirche?

Seewald bietet im Folgenden historisch-dogmatische Überlegungen, die im Kern vor allem zeigen wollen, dass die Starke Fokussierung der Kirche auf Dogmen eine Folge der Auseinandersetzung mit einer als bedrohlich empfundenen Moderne ist. Dabei zeigt Seewald, dass die Kirche durchaus auch einmal ihre Positionen geändert hat. Er zeigt anhand dreier „Modi“, wie das funktionierte. Da ist zunächst der „Autokorrekturmodus“. Als Beispiel bietet er Pius XII., der entgegen früherer Festlegungen deutlich machte, dass die Handauflegung bei der Weihe die Materie des Sakraments ist, die Form die begleitenden Worte. Zuvor hatte das Konzil von Basel-Ferrara-Florenz gelehrt, Materie des Sakraments sei die Übergabe der für die Eucharistie erforderlichen Geräte – also von Kelch und Patene. Kirchliche Lehre hatte sich also verändert. Als zweites nennt Seewald den „Obliszivierungsmodus“: Bestimmte Lehren – etwa zur Evolution – werden einfach nicht mehr vertreten. Man stellt nicht unbedingt eine Änderung in der Lehre fest, sondern vertritt frühere Ansichten schlich nicht mehr, vergisst sie sozusagen. Schließlich steht da nich der „Innovationsverschleierungsmodus“.

Man muss Seewald sicherlich nicht in jeder seiner Schlussfolgerungen folgen. Man könnte etwa auch kritisieren, dass er lehramtliche Entwicklung vor allem seit dem 19. Jahrhundert darstellt, es aber durchaus auch ältere Entwicklungslinien gibt, die eine Berücksichtigung verdienten. Seewalds Verdienst ist aber in erster Linie, eindringlich darauf hinzuweisen, dass kirchliche Reform zunächst eine theologische Basis braucht. Was ist theologisch vertretbar? Der Autor schildert dies etwa an der Frage des Frauendiakonats. Unabhängig davon, ob es nun historisch Diakoninnen gab oder nicht, muss die Kirche fragen: Ist es theologisch verantwortbar, Frauen zu Diakonen zu weihen oder nicht? Dieser Band, den der Autor selbst als „einen zu lang gewordenen Essay“ bezeichnet, wirft theologisches Licht auf die Frage nach Reformen. Ein lesenswerter Band, der Ausgangspunkt weiterer Überlegungen werden kann.

Michael Seewald: Reform. Dieselbe Kirche anders denken
Herder 2019, 174 Seiten, EUR 20

Mit Thomás Halík durch Fasten- und Osterzeit

Von Benedikt Bögle

Copyright: Herder

Als im letzten Jahr gemeinsame Gottesdienste aufgrund der Corona-Pandemie nicht mehr möglich waren, übertrug der tschechische Priester Thomás Halík seine Predigten von Aschermittwoch bis Pfingstsonntag über das Internet. Aus diesen Predigten ist nun ein bei Herder erschienener Band geworden: „Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens“. Halík bietet in seinen Predigten sehr pointiert Überlegungen zu den biblischen Lesungen und zum Glauben der Kirche. Daher bietet sich dieser Band perfekt als Begleiter durch die Fasten- wie auch die Osterzeit an. Halík versucht, sich dem Mysterium von Leiden, Tod und Auferstehung zu nähern und dabei auf Plattitüden zu verzichten. Seine Predigten gehen in die Tiefe und regen zu eigenem Denken an. Mit diesem Band kann man gut meditieren über die Botschaft des christlichen Glaubens.

Und gleichzeitig nimmt natürlich auch Corona einen erheblichen Platz in diesen Predigten aus dem Jahr 2020 ein – wie sollte es auch anders sein. Auch hier verzichtet Halík aber auf die während der Krise ja immer wieder gehörten Allgemeinplätze. Vielmehr fragt er nach einem tieferen Sinn in dieser Welt, zwischen all dem Leid. Und er sieht die leeren Kirchen als eine Art Vorbote der Zukunft. Wie lange noch wird es dauern, bis unsere Kirchen im Westen Europas wirklich leer sind – nicht, weil wegen Corona jeder zuhause bleiben muss, sondern weil niemand mehr kommen will? Halík erweist sich als genauer Beobachter seiner, unserer Zeit. Seine Ausführungen geben zu Denken – und können nur empfohlen werden.

Thomás Halík: Die Zeit der leeren Kirchen. Von der Krise zur Vertiefung des Glaubens
Herder 2021, 207 Seiten, EUR 20

„Verdammtes Licht“

Von Benedikt Bögle

Copyright: C.H. Beck

Kirche und Aufklärung – das hört sich schon nach einer schwierigen Beziehung an. Ist nicht jede Bestrebung der Aufklärung gegen den Glauben selbst gerichtet? In dieser Absolutheit wird man das nicht sagen können. Vielmehr finden sich auch in der katholischen Kirche immer wieder Denker und Bewegungen, die verschiedene Anregungen der Aufklärung aufgreifen und positiv weiterdenken – genannt sei hier nur der Theologe und spätere Bischof Johann Michael von Sailer. Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat einen ganzen Band dem Verhältnis von Kirche und Aufklärung gewidmet: „Verdammtes Licht. Der Katholizismus und die Aufklärung“ ist bei C.H. Beck in München erschienen. Dem Autor geht es dabei nicht zwingend um ein Verhältnis nur mit der historisch so bezeichneten Aufklärung im 18. und 19. Jahrhundert. Schon im Vorwort stellt Wolf klar: „Deshalb gibt es selbstverständlich auch katholische Aufklärung – und zwar nicht nur als einmalige vergangene Epoche, sondern auch als ständige unverzichtbare Aufgabe der Kirche.“ Gerade die Kirchengeschichte, so der Autor weiter, habe die Aufgabe, Wandlungsprozesse und Inkulturationsbewegungen innerhalb der Kirche nachzuzeichnen „und so zur Selbstaufklärung der katholischen Kirche gegen den Widerstand unhistorischer Fundamentalismen und Traditionalisten beizutragen.“

Hubert Wolf tut dies mit einer Hand voll Essays, die sich allesamt unabhängig voneinander lesen lassen. Wie immer kann Wolf mit seinem hervorragenden, gut lesbaren Stil überzeugen. Wolf zu lesen macht Freude. Es geht um die Indexkongregation, um das Verhältnis von Vatikan und NS-Diktatur, auf das ja beständig mehr Licht fällt und das sich wohl einer reinen Schwarz-Weiß-Zeichnung entziehen muss. Es geht um das deutsche „Zentrum“ und die Frage, wie katholisch eine katholische Partei eigentlich sein kann oder will. Es geht um die richtige Auseinandersetzung mit einer bisweilen als bedrohlich empfundenen Moderne – um den „Kampf ums Licht“ also, den Hubert Wolf mit einem Fragezeichen versieht. Dieser Band eignet sich für alle, die an der Kirchengeschichte interessiert sind. Sehr gut zu lesen!

Hubert Wolf: Verdammtes Licht. Der Katholizismus und die Aufklärung
C.H. Beck 2019, 314 Seiten, EUR 29,95

Ein „Franziskus-Komplott“?

Von Benedikt Bögle

Copyright: Herder

Papst Franziskus ist kein unwidersprochener Papst: Es wird ja immer wieder deutlich. Der Heilige Vater geht neue Wege in der Pastoral, legt in seinen apostolischen Schreiben die Finger in Wunden, die große Teile der katholischen Kirche bisher nicht auf dem Schirm hatten. Dass dies nicht ohne Widerspruch bleiben würde, war klar – dass sich aber immer wieder auch Stimmen regen, die den Papst selbst als Häretiker bezeichnen und den Untergang der Kirche prophezeien, wäre in den vergangenen Jahrzehnten unerhört gewesen. Den Problemen, denen Papst Franzsikus ins Auge blicken muss, hat Marco Politi ein Buch gewidmet: „Das Franziskus-Komplott. Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche“ ist bei Herder erschienen. Der italienische Journalist und Vatikan-Kenner untersucht verschiedene Aspekte des Pontifikats von Papst Franziskus und macht Gegner der Papstes aus.

Das betrifft etwa sein Engagement für die Geflüchteten, das insbesondere in der italienischen Politik auf wenig Gegenliebe stieß. Es betrifft aber auch seine mahnende Stimme gegen die Umweltzerstörung oder seine pastoralen Ansätze zu wiederverheirateten Geschiedenen. Auch der Kampf des Papstes gegen Missbrauch hat viel Gegenwind in der Kirche erfahren. Gerade hier zeigt sich eine Stärke des Autors: Marco Politi zeigt durchaus, wo auch Franziskus mehr gegen den Missbrauch in der Kirche tun könnte; er benennt klar Fehler und zeigt auch, wo der Pontifex selbst erst lernen und begreifen musste. Politi zeigt auch, wie Franzsikus innerhalb der Kurie isoliert ist – und dass dies auch daran liegt, dass Franziskus wohl nicht mit einem festen Team arbeitet.

Marco Politi schildert so verschiedene Aspekte eines Pontifikates und zeigt Mitstreiter wie Gegenspieler auf. Der Text würde allerdings durchaus etwas mehr Theologie vertragen: In der Kirche sind tagesaktuelle Probleme ja immer auch Diskussionen um die richtige Theologie. Die vier Kardinäle etwa, die ihre „Dubia“ bezüglich „Amors Laetitia“ veröffentlichten, hatten dafür ja durchaus auch theologische Gründe. Man mag über deren Stichhaltigkeit debattieren, man mag auch über die Form der „Dubia“ streiten – die theologische Seite sollte jedoch nicht unbeleuchtet bleiben. Insgesamt jedoch kann dieser Band überzeugen; gerade weil er ausgewogen ist und nicht immer einseitig Partei ergreift. Eine erhellende Lektüre!

Marco Politi: Das Franziskus-Komplott. Der einsame Papst und sein Kampf um die Kirche
Herder 2020, 297 Seiten, EUR 24

Grundrechte in der Corona-Krise

Von Benedikt Bögle

Die Bekämpfung der Corona-Pandemie verlangt uns allen viel ab. Und das bedeutet seit beinahe einem Jahr eben auch, dass Grundrechte eingeschränkt sind – und zwar nicht nur einzelne. Betroffen sind auf jeden Fall das Freiheitsrecht aus Art. 2 Abs. 1 GG, die Religionsfreiheit aus Art. 4 Abs. I, II GG, die Versammlungsfreiheit aus Art. 8 Abs. I GG und die Berufsfreiheit aus Art. 12 Abs. I GG. Je nach aktueller Ausgestaltung der Maßnahmen könnte auch noch die Freizügigkeit betroffen sein. Sicherlich: All das dient einem hohen Ziel, das auch durch unsere Verfassung legitimiert ist, dem Schutz von Leben und körperlicher Unversehrtheit. Bei Risikopatienten soll nach Möglichkeit eine Infektion verhindert werden, aber auch bei der Gesamtbevölkerung muss ein relativ geringer Infektionswert erreicht werden, da andernfalls Krankenhäuser und vor allem Beatmungsmaschinen überlastet sein könnten.

Copyright: C. H. Beck

Was aber macht diese Situation mit unseren Grundrechten? Diese Frage stellt Heribert Prantl unzählige Male in einem bei C.H. Beck in München erschienenen Buch: „Not und Gebot. Grundrechte in Quarantäne.“ Der Journalist und ehemalige Richter betont schon zu Beginn, dass er kein Coronaleugner ist; keiner, der die Gefahr des Virus einfach ignoriert. Und gleichzeitig betont Prantl, wie deprimierend es ist, dies sagen zu müssen. Nur, weil man auf die seit einem Jahr eingeschränkten Grundrechte hinweist, ist man doch noch kein Verschwörungstheoretiker – man ist ein Demokrat. „Nicht die Freiheit muss sich rechtfertigten, sondern ihre Beschränkung und Begrenzung“, schreibt Prantl. Richtig. Prantl betont, dass die Coronamaßnahmen Menschenleben an anderer Stelle riskieren: „Was das kostet, kann man dann genau sagen: Es kostet Menschenleben an anderer Stelle. Alte Menschen sterben früher; an Isolation. Patienten werden später operiert; vielleicht zu spät, weil sich alles auf Corona konzentriert. Die Zahl der Suizide steigt. Und Unzählige verlieren ihre wirtschaftliche Existenz.“

Prantl schreibt über die die Grundrechte und ihre aktuelle Lage. Er beklagt es, sich bei seinem journalistischen Kampf für die Grundrechte rechtfertigen zu müssen; dabei ist der Eintritt für die Demokratie nach Prantl Kern der Pressefreiheit. Im Mittelpunkt seinen Buches steht ein Kapitel, das im Wesentlichen aus bei der Süddeutschen Zeitung erschienenen Beiträgen während der Pandemie besteht. Es wirkt, im Nachhinein gelesen, beinahe wie ein Coronatagebuch. Prantl prangert dort verschiedenes an: Den Umgang mit Weihnachten, ein völlig überlastetes Betriebsverfassungsrecht, den gesellschaftlich evozierten Eindruck, während der Pandemie dürfe nicht gestreikt werden. Es ist dies so etwas wie eine Zusammenfassung des vergangenen Jahres. Am Ende folgen noch mehrere kürzere Kapitel zu Corona.

Besonders die Ausführungen Prantls zur Haltung der Religionsgemeinschaften bewegen. Er wirft ihnen vor, während der Pandemie zu leise gewesen zu sein, alles zu leicht hingenommen zu haben. Das mag grundsätzlich eine Frage des Betrachters sein; bestimmte Pfarreien etwa haben alles getan und tun es bis heute, damit das religiöse Leben eben nicht ausfallen muss. Andererseits muss man Prantl zustimmen: Dass sterbende Menschen ohne ihren Seelsorger, ohne ihre Angehörigen sterben mussten – das ist auch unter den Bedingungen einer Pandemie nicht zu rechtfertigen. Hier hätte die Kirche eintreten müssen für die Würde des Lebens.

Was Prantl auf knapp 200 Seiten nicht bietet, sind Alternativvorschläge. Das folgt freilich einem gewissen Dilemma: Auf der einen Seite ist der Mann eben nicht Politiker, sondern Journalist. Er darf sich grundsätzlich darauf beschränken, zu beschreiben, was ist, und dies dann zu kommentieren, einzuordnen. Andererseits hat er sich so oft zum Thema geäußert, dass man irgendwann schon gespannt wäre zur Strategie von Heribert Prantl. Doch davon abgesehen: „Not und Gebot“ ist ein hervorragender Band. Er steht freilich in erster Linie auf einer Seite, nämlich der eines möglichst starken Grundrechtsschutzes. Ein Virologe würde und darf anders schreiben. Doch Prantl liefert wunderbare Denkanregungen und Ausgangspunkte für eine gesellschaftliche Debatte. Sicher, hin und wieder wiederholen sich bei ihm die Formulierungen. Das aber kann man niemandem zum Vorwurf machen, der seit einem Jahr immer wieder über das gleiche Thema nachdenken, sprechen und schreiben muss. „Not und Gebot“ ist ein sehr gelungenes, unbedingt zu lesendes Buch.

Heribert Prantl: Not und Gebot. Grundrechte in Quarantäne
C.H. Beck 2021, 200 Seiten, EUR 18

Mit Gott ums Leben kämpfen

Von Benedikt Bögle

Copyright: Herder

Erich Zenger ist sicherlich einer der einflussreichsten deutschen Alttestamentler des vergangenen Jahrhunderts. Zu seinem zehnten Todestag 2020 ist bei Herder ein Sammelband erscheinen, der verschiedene Schriften des großen Wissenschaftlers versammelt: „Mit Gott ums Leben kämpfen. Das Erste Testament als Lern- und Lebensbuch“ wurde von Paul Deselaers und Christoph Dohmen herausgegeben. Die beiden Herausgeber würdigen in ihrem Vorwort Erich Zenger: „Er wollte nicht im elfenbeinernen Turm der Wissenschaft bleiben, so sehr und so gerne er intensiv forschte. Für ihn erschöpfte sich biblische Theologie nicht in literarhistorischer und redaktionskritischer Arbeit. Er setzte sich immer wieder mit neuen Argumenten auseinander und ließ sich von besseren Argumenten überzeugen. Denn für alle sollte das Buch der Bücher zugänglich werden, damit seine Mitte aufleuchtet: die biblische Gotteswahrheit.“

Das Bedürfnis Erich Zengers, nicht nur im „elfenbeinernen Turm der Wissenschaft“ zu sitzen, wird schon an der Verschiedenheit der Texte deutlich. Da stehen auf der einen Seite sehr dichte wissenschaftliche Texte – so etwa seine Auslegung zu Psalm 8, die zum Modelltext für Herders Theologischen Kommentar zum Alten Testament wurde. Auf der anderen Seite finden sich da aber auch Predigten, etwa zur Frage, ob Gott noch heute zu den Menschen spricht. Die beiden Herausgeber haben die umfangreiche Sammlung von Texten in vier Teile gegliedert. Den Anfang machen „Biographische Anhaltspunkte zum Bibelstudium“, es folgen Texte über das Gotteszeugnis Israels, Beiträge zum Verhältnis von Christlichem Glauben und Erstem Testament, Texte zur Schöpfung, zu Leiden, Klage und Trost und schließlich Texte, die unter die Überschrift „Grenzgänge“ gefasst wurden.

Dem Leser erschließt sich eine wunderbare Bandbreite einer lebenslangen Beschäftigung mit der Heiligen Schrift. Erich Zenger war ein Kämpfer für eine neue Israel-Theologie, die das Erste Testament auch als Heilige Schrift des Judentums ernst nimmt und reflektiert. Die beiden Herausgeber haben mit Blick auf die Bibel vom „Lern- und Lebensbuch“ gesprochen. Was sie geschaffen haben, ist ein „Lesebuch“. Man wird es kaum am Stück lesen, kann aber immer wieder darin nachschlagen und vor allem immer wieder ein Kapitel lesen. Eine hervorragende Sammlung.

Erich Zenger: Mit Gott ums Leben kämpfen. Das Erste Testament als Lern- und Lesebuch
Herder 2020, 552 Seiten, EUR 45

Blut und Eisen

Von Benedikt Bögle

Copyright: C.H. Beck

Über Jahrhunderte hinweg war das, was wir heute „Deutschland“ nennen ein Flickenteppich. Zunächst verbanden sich eine Vielzahl mehr oder weniger großer Staaten im „Heiligen Römischen Reich“, nach dessen Auflösung folgten der Deutsche Bund 1815, der Norddeutsche Bund 1866, das Zollparlament 1868 und schließlich 1870/71 das Deutsche Reich. Den Weg dorthin beschreibt in einem hervorragenden Buch der Historiker Christoph Jahr: „Blut und Eisen. Wie Preußen Deutschland erzwang“ ist bei C.H. Beck in München erschienen. Der Autor schildert den Weg hin zur „deutschen Einigung“ im Wesentlichen als Geschichte dreier Kriege. Zunächst steht dort die militärische Auseinandersetzung zwischen Preußen und Österreich auf der einen, sowie Dänemark auf der anderen Seite. 1864 ging es hierbei schon um die Frage, inwiefern Deutschland von Dänemark abgrenzbar sein; diese Streitigkeit entzündete sich insbesondere an Schleswig-Holstein. 1866 folgte dann der Krieg zwischen Preußen und Österreich, 1870/71 dann der Feldzug gegen Frankreich.

Christoph Jahr schildert die jeweiligen Kriegsverläufe ausführlich, aber sehr gut lesbar. Seine Gliederung ist sehr übersichtlich und gut verständlich. Jahr zeigt dabei nicht nur, wie die Kriege rein technisch verliefen, wo Grenzverläufe sich verschoben, welche Schlachten geschlagen wurden. Er webt in seine Berichte immer auch die Stimmung in den deutschen Ländern ein und zeigt gerade 1870/71 wie es zur Gründung des deutschen Reiches – man ist beinahe geneigt, zu sagen: wieder Willen – kam. Ein hervorragender Band für alle, die sich mit der deutschen Geschichte im 19. Jahrhundert auseinandersetzen möchten.

Christoph Jahr: Blut und Eisen. Wie Preußen Deutschland erzwang
C.H. Beck 2020, 368 Seiten, EUR 26,95

Spuren aus der Vergangenheit

Von Benedikt Bögle

Copyright: Penguin

Avery hatte es in ihrem Leben nicht einfach: Beide Eltern hatte sie bei einem Verkehrsunfall verloren, im vergangenen Jahr ist nun auch noch ihre beste Freundin Sadie gestorben. Sie hat sich eines Nachts von den Klippen von Littleport in das Meer gestürzt. Ein Selbstmord – so scheint es zumindest. Doch Avery kommen immer mehr Zweifel. Seltsame Dinge gehen in dem kleinen Küstenstädtchen Littleport vor sich – und plötzlich entdeckt Sadie in einem Ferienhaus das seit dem Unfall vermisste Handy von Sadie. Und sie findet noch mehr Spuren: Sadie scheint einem dunklen Geheimnis auf der Spur gewesen zu sein, dass ihrer beiden Familien miteinander verbindet. Immer mehr begibt sich Avery in Gefahr und kann am Ende aufklären, was in dieser Nacht wirklich geschah. Megan Miranda ist mit „Perfect Secret“ erneut ein spannender Thriller gelungen. Wie schon „Little Lies“ und „Tick Tack“ ist auch der neue Thriller fesselnd. Miranda spielt gekonnt mit den Zeiten; Vergangenheit und Gegenwart wechseln sich in ihren Erzählsträngen immer wieder ab, scheinen aber an einem gewissen Punkt beinahe miteinander zu verschwimmen. Die Autorin kann Spannung hervorragend aufbauen; bis zum Schluss ist dem Leser des Rätsels Lösung völlig unklar. Spannung bis zur letzten Seite!

Megan Miranda: Perfect Secret. Hier ist dein Geheimnis sicher
Penguin 2020, 381 Seiten, EUR 15

Über Freiheit und Glück

Von Benedikt Bögle

Copyright: Herder

Freiheit und Glück sind große Begriffe; es sind große Ziele, nach denen jeder Mensch strebt. Sie beschäftigen die Menschen schon seit Jahrtausenden. Das zeigt eindrücklich ein bei Herder in der Reihe „Herdes Bibliothek der Philosophie des Mittelalters“ erschienener Band: „Über Freiheit und Glück“ von Johannes Buridan. Es handelt sich dabei um fünf Quaestiones zum 10. Buch der Nikomachischen Ethik des Aristoteles, in der dieser den Fragen nach Freiheit und Glück nachgeht. Rolf Schönberger führt in der sehr gelungenen Einleitung nicht nur in das Leben des mittelalterlichen Philosophen Johannes Buridan, sondern auch in die hier vorliegende Problemlage ein: „Das Thema ist also Glück. Dieses bestimmt Aristoteles als eine Tätigkeit, und zwar als diejenige, die durch das höchste Vermögen und entsprechend seiner höchsten Kraft ausgeübt bzw. vollzogen wird.“ Was aber ist das „höchste Vermögen“? Ist des den Menschen Wille oder doch eher der Verstand? In welchem Verhältnis stehen diese beiden überhaupt zueinander? Ist das Glück eine Tätigkeit? Diesen Fragen geht Johannes Buridan in den fünf Quaestiones nach, in denen Positionen gegeneinander abgewägt und diskutiert werden. Dieser Band ist ein schöner Beitrag zur Philosophie des Mittelalters!

Johannes Buridan: Über Freiheit und Glück. Lateinisch – Deutsch (HBPhMA 47)
Herder 2020, 308 Seiten, EUR 48