Romano Guardini: Nachrufe

von Benedikt Bögle

Romano Guardini war Priester und Religionsphilosoph, einer der bedeutendsten Vorreiter der liturgischen Bewegung und damit auch ein entscheidender Denker für die Liturgietheologie des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965). In München hatte Guardini den Lehrstuhl für Religionsphilosophie und christliche Weltanschauung inne und predigte in der Universitätskirche St. Ludwig. Als Romano Guardini 1968 starb, legten schon die Nachrufe auf den Theologen seine überragende Bedeutung nahe. Eine Sammlung dieser Textzeugen ist nun bei Grünewald erschienen: „Deuter der christlichen Existenz. Nachrufe – Erinnerungen – Würdigungen. Romano Guardini zum 50. Todestag“, herausgegeben von Helmut Zenz.

© Grünewald-Verlag

Die Zeugnisse nach dem Tod Guardinis sind sehr unterschiedlich. Es findet sich dort ebenso eine lange Radioansprache Karl Rahners wie das sehr kurze Telegramm des Bundeskanzlers Kiesinger an den Neffen Guardinis: „Die Nachricht vom Tode Romano Guardinis hat mich tief bewegt. Ich spreche Ihnen meine herzliche Anteilnahme aus. Ich verneige mich in Dankbarkeit und Trauer am Grabe dieses großen Christen.“ Kurz sind die einzelnen Beiträge eingeführt, nur wenig – gerade das nötigste – wird über die Autoren berichtet. Es entsteht das Bild eines großen Mannes, der nicht nur intellektuell, sondern gerade menschlich zu imponieren schien. Die Sammlung führt auf eine etwas ungewöhnliche Weise in Leben und Werk, Theologie und Philosophie des großen Guardini ein. Im Erzbistum München und Freising läuft der Seligsprechungsprozess für Romano Guardini.

Helmut Zenz (Hg.): Deuter der christlichen Existenz. Nachrufe – Erinnerungen – Würdigungen. Romano Guardini zum 50. Todestag
Grünewald 2018, 164 Seiten, EUR 28

Ein Exemplar des Buches wurde freundlicherweise vom Verlag als Rezensionsexemplar zur Verfügung gestellt.

Wie soll man Ostern feiern?

Von Benedikt Bögle

Die Feier von Ostern bildet den Höhepunkt des Kirchenjahres: Im „Triduum“, den drei heiligen Tagen, feiern Christen das Leiden, Sterben und Auferstehen Jesu Christi und damit den Kern ihres christlichen Bekenntnisses. Die Liturgie dieser Tage ist besonders reich: Von der Fußwaschung am Gründonnerstag bis zur Vielzahl an Lesungen in der Osternacht scheren diese Gottesdienste scheinbar aus der Reihe, kennen viele eigene Riten. Damit verbunden ist für die pastorale Praxis immer auch die Frage nach der Machbarkeit. Können alle Riten übernommen werden? Dauert die Liturgie nicht zu lange? Ein hervorragender Sammelband hat sich verschiedener Fragen rund um die Liturgie der Ostertage angenommen: „Oster feiern“, herausgegeben von Benjamin Leven und Martin Stuflesser und erschienen im Pustet-Verlag.

© Pustet

Empirische Befunde

Grundlage der Ausführungen bilden zwei Studien, die 1984 und 2010 im Dekanat Würzburg Innenstadt die liturgische Praxis erfragten: Wird in den Kirchen die Fußwaschung vorgenommen? Werden am Karfreitag die Improperien gesungen? Wie läuft die Osternacht ab? Die Ergebnisse sind höchst interessant: Die Zahl der Osternachtsfeiern mit Taufen etwa nahm nicht nur ab – 2010 wurden in keiner einzigen Feier der Osternacht auch Taufen gefeiert. Die Anzahl der Lesungen in der Osternacht variiert enorm: von nur einer oder zwei Lesungen bis hin zu allen sieben – auch wenn die erste Variante den liturgischen Vorgaben widerspricht.

Gründonnerstag: Fußwaschung oder nicht?

Winfried Haunerland beschäftigt sich in seinem Beitrag zum Band mit der Liturgie der Fußwaschung. Während einige Pfarreien den Ritus gar nicht in die Liturgie übernehmen, ersetzten sie andere durch eine Handwaschung – wohl, weil das Bild einer Fußwaschung in unserem Kulturkreis heute nicht mehr bekannt ist. Haunerland plädiert dafür, diese Waschung nicht als reines Nachspiel der biblischen Ereignisse zu deuten: Ein Akt der Demut und Nächstenliebe sei sie und damit eine Antwort auf das Evangelium selbst. In dieser Linie stehe auch Papst Franziskus, wenn er nicht nur getauften Männern die Füße wasche, sondern auch Frauen und Ungetauften. So wird die Fußwaschung zum Dienst an den „Verlierern der Gesellschaft“.

Karfreitag: Kommunionausteilung ohne Messe?

Der Regensburger Liturgiewissenschaftler Harald Buchinger ergründet in seinem Beitrag die Geschichte der Kommunionspendung am Karfreitag. Klar ist: Die ältesten liturgischen Zeugnisse kennen eine solche nicht. Im Lauf des Mittelalters hat sich die Kommunion dann durchgesetzt. Zunächst kommunizierten nur die Laien, irgendwann dann nur noch die Kleriker. Heute ist die Kommunionausteilung im Messbuch zwar vorgesehen, weithin aber in der Debatte. Buchinger resümiert: „Die Kommunion bleibt jenseits der Feier der Eucharistie mit ihrer Einheit von Darbringung, Danksagung, Brechung und Gabe von einer isolierenden Tendenz geprägt, welche das geheiligte Brot aus dem Zusammenhang von non-verbaler und verbaler Darbringung löst und den Empfang der nur in Ableitung vom gleichnamigen Sprechakt sekundär so genannten Eucharistie von der für die Feier konstitutiven Danksagung trennt.“

Osternacht: Wie viele Lesungen?

Egbert Ballhorn greift in seinem Beitrag die Frage nach den Lesungen der Osternacht auf. Wie schon gezeigt, klafft die Praxis hier enorm auseinander. Ballhorn indes plädiert für die Fülle an Lesungen, die diesem Gottesdienst so eigen ist: „Wird jedoch das Prinzip der Auswahl zu stark genutzt, sprich: Nur eine Minimalzahl von Lesungen gewählt, dann kann die Besonderheit der Feierform des Lesegottesdienstes sich nicht entfalten und der Wortgottesdienst wirkt wie der verlängerte Wortgottesdienst einer Sonntagsmesse.“ Aus einer Nacht des Wachens, in der das Heilshandeln Gottes aller Zeiten zur Sprache kommt und erlebbar wird, wird ein nur geringfügig längerer Wortgottesdienst, als man es gewohnt ist.

Praxis auf dem Prüfstand

Der Sammelband „Ostern feiern“ ist mehr als gelungen. Die empirischen Erhebungen ermöglichen einen Einblick in die Verschiedenheit der Osterfeiern in nur einem Dekanat, die einzelnen Beiträge gehen den verschiedenen Elementen des Ostertriduums auf den Grund. Wünschenswert wäre nur noch ein Beitrag zur Gestaltung der Lichtfeier am Beginn der Osternacht gewesen – die entscheidenden liturgischen Fragen der drei heiligen Tage indes werden breit und abwechslungsreich behandelt. Ein Plädoyer für die gelebte Feier der heiligen Tage!

Benjamin Leven / Martin Stuflesser (Hg.): Ostern feiern. Zwischen normativem Anspruch und lokaler Praxis (Theologie der Liturgie 4)
Pustet 2013, 374 Seiten, EUR 39,95

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Gott essen?

Von Benedikt Bögle

Das Verständnis des letzten Abendmahles gehört zum Kernbestand christlicher Theologie. Was ist bei diesem letzten Mahl Jesu mit seinen Jüngern geschehen? Und was geschieht, wenn Christen zusammen kommen und dem Auftrag Jesu gemäß dieses Mal erinnern und feiern? Ein Teil der Christen sieht Jesus als ganz gegenwärtig durch die Eucharistie, andere sehen in der Abendmahlsfeier nur eine Erinnerung an Jesus. Die Gestalt der Feier hat dabei Kulturgeschichte geschrieben und ganze Gesellschaften geprägt. Einen Beitrag zu dieser Geschichte leistet ein lesenswertes Buch von Anselm Schubert: „Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls“, erschienen bei C.H. Beck.

© C.H. Beck – Verlag

Das Buch ist keine theologische Abhandlung, es beschäftigt sich vielmehr mit den Substanzen des Abendmahles. Brot und Wein – ganz einfach eigentlich, möchte man meinen. Ein Blick in die Geschichte oder das Buch von Anselm Schubert belehrt eines besseren: Immer wieder wurde über die Beschaffenheit dieser eigentlich so einfachen Substanzen gestritten. Welches Brot etwa durfte verwendet werden? Nur bestimmtes? Dürften Katholiken etwa auch mit dunklem Brot Messe feiern? Was tun, wenn Getreide zu teuer wird und Brot selten?

Auch die Entwicklungen der Moderne stellten neue Fragen. So führten Ängste vor Epidemien dazu, jedem Gläubigen abgepackt ein Stück Brot und einen kleinen Schluck Wein zu geben. Der Mahlcharakter war zwar dahin, die Hygiene aber vermeintlich gesichert. Anselm Schubert berichtet informativ, aber schön zu lesen über eine zweitausendjährige Entwicklung, die immer auch die große Sorge der Christen zeigt, möglichst würdige Materien für das heilige Mahl zu verwenden. Auch aktuelle Entwicklungen unter dem Horizont einer Mahltheologie werden nicht ausgespart. „Gott essen“ ist damit nicht nur ein historisches Buch, sondern auch die Anregung, über das Wesen der Eucharistie nachzudenken.

Anselm Schubert: Gott essen. Eine kulinarische Geschichte des Abendmahls
C.H. Beck 2018, 271 Seiten, EUR 24,95

Archäologie als Krimi

Von Benedikt Bögle

Schon die Entdeckung der sogenannten „Himmelsscheibe von Nebra“ gleicht einem Kriminalroman. Hobby-Buddler hatten auf der Suche nach Wertvollem eine Scheibe ergraben; der Gesetzeslage des Landes Sachsen-Anhalt nach gehörte dieser Fund aber nicht den Findern, sondern dem Staat. Über Umwege boten Hehler diese Scheibe schließlich Harald Meller an, dem Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an der Saale. Im Rahmen einer Polizeiaktion traf er die Hehler – sie wurden festgenommen, die Himmelsscheibe landete wieder in Sachsen-Anhalt. Es handelt sich bei dieser Scheibe um – ja, was eigentlich? Sterne sind darauf zu sehen, ein zunehmender Halbmond und ein großer goldener Kreis: Sonne oder Vollmond? Diesen Fragen geht nun ein Buch Mellers nach, das er zusammen mit dem Wissenschaftsjournalisten Kai Michael geschrieben hat: „Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“, erscheinen im Propyläen-Verlag.

© Propyläen-Verlag

Die beiden haben ihr Buch wirklich einem Krimi gleich gestaltet. Die Spannung wächst, immer mehr Rätsel werden aufgeworfen und eine Lösung vorgeschlagen. So sehen die beiden Autoren in der Scheibe einen vorgeschichtlichen Versuch, Sonnen- und Mondkalender in Einklang zu bringen. Dieses Problem stellte immer wieder Kulturen vor ein Rätsel: Beide Kalender scheinen für das Zusammenleben wichtig zu sein. Während die Sonne den Jahresverlauf und damit Jahreszeiten vorgibt, ermöglicht der Mond eine Einteilung in Wochen und Monate. Kongruent sind die beiden Kalender aber nicht. Meller und Michel nun meinen, es handelt sich bei der Himmelsscheibe um eine Anleitung, wann Schaltmonate einzuführen sind, um die beiden verschiedenen Kalender wenigstens annähernd in Übereinstimmung zu bringen. Diese Annahme hat aber eine weitreichende Konsequenz. Das Bedürfnis eines korrekten Kalenders setzt eine weit entwickelte Kultur voraus, in der die Bauern nicht nur nach Gefühl ihre Äcker bestellen, sondern gewisse Verwaltungsstrukturen geschaffen wurden – kurz: Die zur Himmelsscheibe von Nebra gehörende Kultur muss vor 3600 Jahren deutlich weiter entwickelt gewesen sein, als dies bisher angenommen wurde.

Und so entwerfen die beiden Autoren im zweiten Teil ihres Buches eine Vorstellung der Kultur, aus der die Himmelsscheibe von Nebra stammt. Anhand von Hügelgräbern, in denen vermutlich Fürsten beigesetzt waren, zeigen Meller und Michel, dass vor knapp 4.000 Jahren im Herzen Europas ein beständiges Staatswesen durchgesetzt haben musste, in denen nicht mehr einzelne Häuptlinge über nur sehr wenige Generationen die Herrschaft ausübten, sondern ein Fürstenhaus etabliert war, das über mehrere hundert Jahre regieren konnte. Wichtige Elemente der Staatlichkeit seien schon vorhanden gewesen; von einer schriftlichen Kultur einmal abgesehen. Diese Einsicht passt zur Interpretation der Himmelsscheibe: Eine solche Kultur hätte tatsächlich einen funktionierenden Kalender gebraucht – und durch die Himmelsscheibe auch tatsächlich gehabt.

Harald Meller und Kai Michel haben ein großartiges Werk vorgelegt. Voller wissenschaftlicher Details aus der Archäologie und angrenzenden Wissenschaften und dennoch durchgehend schön zu lesen. Die Autoren bauen gekonnt Spannungsbögen und zeichnen ein lebendiges Bild der Welt vor 3.600 Jahren. Dass vieles an ihrer Darstellung hypothesenhaft bleiben muss, ist eine der Wissenschaft vorbehaltene Diskussion. Die Lesefreude an diesem Buch mindert es nicht.

Harald Meller / Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas
Propyläen, 5. Aufl. 2018, 384 Seiten, EUR 25

Ein evangelischer Papst?

Von Benedikt Bögle

Papst Franziskus polarisiert. Während ein großer Teil des Kirchenvolkes seine Anstöße begrüßt und viele, teils auch nicht-christliche Menschen in ihm ein Vorbild sehen, gibt es in der Kirche immer wieder auch Stimmen, die ihm Häresie vorwerfen. Sie wollen nicht verstummen und werfen ihm den Bruch mit der Tradition vor, sehen seine Ausführungen in Amoris Laetita als häretisch an; ja, selbst vor einer Gleichsetzung des Heiligen Vaters mit dem in der Johannesoffenbarung beschriebenen Antichristen scheint mittlerweile ohne weiteres möglich zu sein. In diese Situation spricht ein hervorragendes Buch des Jesuiten Andreas Batlogg aus München: „Der evangelische Papst. Hält Franziskus, was er verspricht?“, erschienen im Kösel-Verlag.

Batlogg analysiert die Person des Papstes, seine Ausführungen in Schreiben, Interviews und Predigten sowie die großen Linien des Pontifikats. Er sieht Papst Franziskus im Lichte seiner jesuitischen Biographie, im Kontext der Gedanken, Ziele und der Sendung seiner Ordensgemeinschaft. Batlogg hat damit so etwas wie die Biographie eines Pontifikats vorgelegt. Der Jesuit geht den großen Spuren dieses Pontifikats nach und ordnet die Aussagen des Papstes dazu ein. Er fragt, was Synodalität der Kirche bedeuten kann, wie Kirche arm sein könnte, was Barmherzigkeit eigentlich bedeutet. Durchweg untermauert der Autor seine Thesen mit Zitaten des Heiligen Vaters und ordnet sie in ihren größeren Kontext ein.

© Kösel-Verlag

Vermeintlich skandlöse Aussagen von Franziskus erscheinen so plötzlich in einem anderen Licht: Was genau hatte es denn mit seiner Meinung auf sich, Christen müssten sich nicht verhalten wie die Kaninchen? Wie war das mit dem väterlichen Klaps für Kinder zu verstehen? Unaufgeregt versucht Batlogg diese Missverständnisse zu erklären und diesen Papst zu verstehen – ohne in subjektive Lobeshymnen oder gar eine Heiligsprechung zu verfallen. Daneben steht immer die Frage: Was hat dieses Pontifikat erreicht? All den Stimmen zum Trotz, die in Franziskus nicht mehr als einen Mann der großen und schönen Gesten sehen wollen, zeigt Batlogg die tatsächlichen Erfolge des Pontifikats auf; nicht als trockene To-Do-Liste, sondern immer als Frage nach den Intentionen des Papstes und seinen Wirkungen.

Andreas Batlogg ist ein tolles Buch gelungen. Teilweise ist es eine Biographie von Jorge Mario Bergoglio, teilweise eine Innenansicht über den Jesuitenorden, dann wieder eine kirchengeschichtliche Abhandlung. Ganz einfach: Ein lesenswertes Buch über den Mann Franziskus, seine Ziele, seine Widerstände.

Andreas R. Batlogg: Der evangelische Papst. Hält Franziskus, was er verspricht?
Kösel 2018, 303 Seiten, EUR 20

Das Vaterunser

Von Benedikt Bögle

Spätestens, als Papst Franziskus die Frage stellte, ob ein guter Vater „in Versuchung führen“ kann und diese Frage sogleich verneinte, war klar: Mit dem Vaterunser sind wir Christen noch nicht ganz fertig. Immer gibt es noch Diskussionbedarf, immer dürfen wir uns auch über einzelne Formulierungen brüderlich streiten. Als das große Gebet des Christentums kann das Vaterunser auf eine große literarische Geschichte zurückblicken. Auch Walter Kardinal Kasper stellt sich nun die Frage nach der Bedeutung des Gebets, veröffentlicht in: „Vater unser. Die Revolution Jesu“, erscheinen bei Patmos.

© Patmos

Ausgangspunkt für den Kardinal und ehemaligen Präsidenten des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen die Frage, was das Vaterunser heute noch bedeuten kann. Eine kurze Einleitung beschäftigt sich mit bibelwissenschaftlichen Fragen zum Text, aber: „Gleichzeitig müssen wir das Vaterunser bei aller selbstverständlichen Treue zum Urtext auch im Blick auf unsere heutige Situation auslegen.“ Und das tut der Kardinal dann auch konsequent.

Viele Ansätze sind schon bekannt, aber trotzdem schön zu lesen. Walter Kardinal Kasper geht der Rolle Gottes als „Vater“ auf den Grund, fragt nach dem „täglichen Brot“, das wir im Gebet erbitten und ergründet die Zusammenhänge zwischen Gottes Vergebung und unserer eigenen Vergebungsbereitschaft. Bitte für Bitte bedenkt Kasper das Gebet des Herrn. Gut lesbar, auch in kurzen Portionen.

Walter Kardinal Kasper: Vater unser. Die Revolution Jesu
Patmos 2019, 125 Seiten, EUR 14

Wie den Tod Jesu deuten?

Von Benedikt Bögle

Iesus starb am Kreuz für unsere Sünden. Warum? Dieser Satz erweckt immer wieder Widerspruch. Braucht Gott denn ein Menschenopfer – zumal seines eigenen Sohnes -, um die Menschheit erlösen zu können? Setzt Gott seinen Sohn gefühllos dem schmerzhaften Kreuzestod aus, mitleidslos und unbarmherzig? Oder hat der Tod Jesu am Tod gar keinen Sinn, ist nur einer unter unzähligen Justizirrtümern in der menschlichen Geschichte? Intensiv mit dieser Frage hat sich Willibald Bösen auseinandergesetzt: „Für uns gekreuzigt? Der Tod Jesu im Neuen Testament“, erschienen beim Herder-Verlag.

Herder-Verlag

Der emeritierte Professor für katholische Theologie an der Universität Bielefeld hat sich auf Spurensuche im Neuen Testament gemacht. Klar ist: Schon die frühen Christen sehen im Tod Jesu nicht Zufall oder reine Sinnlosigkeit, sondern erblicken im Kreuz das „Holz der Erlösung“. Im Nachdenken über das Kreuz und den Tod Jesu nutzen die Christen mehrere Motive, um sich den Tod ihres Meisters erklären zu können. Sie erblicken im leidenden Gottesknecht aus dem Jesaja-Buch den am Kreuz hängenden Christus, finden in den Psalmen Texte, die sie mit Jesus in Verbindung bringen.

Genauso aber orientieren sich die Christen am Tempelkult und deuten den Tod Jesu als „Sühnopfer“. Was hinter diesem Begriff steckt und wie wenig sich der biblische Befund mit der Theologie des Anselm von Canterbury verträgt, zeigt Willibald Bösen: Das Opfer sei nach jüdischem Verständnis nicht die mit Gaben erwirkte Besänftigung eines zürnenden Gottes und dem entsprechend Jesus auch nicht das unüberbietbare Menschenopfer. „Nach jüdischem Verständnis ist es nämlich Gott selber, der den Opferkult einsetzt“. Gott eröffnet Beziehung zu seinem Volk – ein auch auf das Kreuz übertragbarer Gedanke.


Dietmar Rabich / Wikimedia Commons / „Dülmen, Heilig-Kreuz-Kirche, Kreuz — 2015 — 5182“ / CC BY-SA 4.0

Weiteren Deutungshorizonten geht Willibald Bösen nach. Immer nimmt er die biblischen Texte in den Blick, fragt nach ihren Intentionen, geht den ursprünglichen Begriffen der griechischen und hebräischen Sprache nach. Er zeigt die Versuche der frühen Christen, den Tod Jesu am Kreuz zu verstehen. Einzelne Schritte finden sich, ohne beziehungslos nebeneinander zu stehen oder eine vermeintlich „richtige“ Antwort zu geben. Verbunden ist der Text Bösens mit mehr als 150 grafischen Abbildungen, die sein Werk auch für den Religionsunterricht oder die Katechese wertvoll machen können – aber nicht nur dafür: Ein Lesebuch für alle!

Willibald Bösen: Für uns gekreuzigt? Der Tod Jesu im Neuen Testament
Herder 2018, 359 Seiten, EUR 26

© des Beitragsbildes: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Jesus_am_Kreuz,_rechts_vom_Altar.jpg?uselang=de

Dieser Beitrag ist der Teil der Reihe „Lesend durch die Fastenzeit“.

Ein Leben mit Krebs

Von Benedikt Bögle

Andreas Batlogg, Jesuit in München, erhielt 2017 eine Diagnose, die sein ganzes Leben auf den Kopf stellen sollte. Er hat Darmkrebs, muss von heute auf morgen lange geplante Termine absagen, sich zurückziehen und vor allem der Tatsache ins Gesicht sehen, dass er bald sterben könnte. Seine Erfahrungen mit dieser Diagnose hat der Jesuit nun in einem Buch veröffentlicht: „Durchkreuzt. Mein Leben mit der Diagnose Krebs“, erschienen bei Tyrolia. Batlogg hat seinen Kampf gegen den Krebs gewonnen: „Ich hatte Glück und bin ein Gesegneter!“, schreibt er. Und doch bleibt diese Zeit natürlich prägend – wie prägend, erzählt der Autor in seinem Buch.

© Tyrolia-Verlag

Er erzählt, wie blass übliche, fromm und gut gemeinte Sprüche plötzlich wirken, wenn es ernst wird mit dem eigenen Glauben und dem eigenen Leben. Er stellt sich die Frage nach dem Leid in der Welt, ohne eine befriedigende Antwort zu finden und finden zu müssen. Er zeichnet das Bild einer Krankheit, ungeschminkt. Er berichtet von seiner Inkontinenz und der plötzlichen Abhängigkeit – als Mann Mitte 50 nichts erwartbares, nichts, auf das er sich hätte vorbereiten können. Und Batlogg erzählt von den kleinen Gesten und welche Wichtigkeit sie erlangen können. Er berichtet von seinem Teddybären unter dem Kissen des Krankenhausbettes und von der Christus-Ikone, auf die jeden Morgen im Krankenhaus sein erster Blick fallen sollte.

Batlogg erzählt von Menschen, die für ihn beteten und von Augenblicken, in denen der Tod als reale Möglichkeit direkt vor ihm stand. „Durchkreuzt“ ist ein grandioses Buch, weil es so ehrlich ist. Ungeschminkt kann Batlogg sagen, was ihn in dieser Zeit berührte und was ihn ärgerte. Man bekommt unweigerlich Respekt vor diesem Mann und seinem Mut, so offen über die Krankheit und ihre Begleiter zu sprechen. Und schließlich ist „Durchkreuzt“ ein großartiges Zeugnis für einen unverbrüchlichen Glauben an Jesus Christus, den gekreuzigten und den auferstandenen.

Andreas R. Batlogg: Durchkreuzt. Mein Leben mit der Diagnose Krebs
Tyrolia 2019, 192 Seiten, EUR 19,95

Gott – eine Spurensuche

Von Benedikt Bögle

Sophia Fritz studiert „Drehbuch“ in München, auf Instagram postet sie als „Josephine Frey“, kurze Texte vor allem, bestehend aus nur wenigen Wörtern und Zeilen. Im Herder-Verlag ist nun ein Buch von ihr erschienen: „Gott hat mir nie das Du angeboten“. Es ist ein im wirklichen Sinn bemerkenswertes Buch: Es spiegelt die Gedanken einer jungen Frau über Gott, ihr Leben und die Bibel. Es ist, wie sie selbst schreibt, kein Buch über Gott. „Es ist auch kein Buch über die Bibel, sondern ein Buch, das beim Lesen der Bibel entstanden ist“, so Fritz. In einzelnen Kapiteln werden biblische Figuren gleichsam zum Leben erweckt, ins Heute versetzt. Sophia Fritz unterhält sich etwa mit Maria Magdalena oder schlüpft in die Rolle des „verlorenen Sohnes“, der seinem zuhause gebliebenen Bruder begegnet.

© Herder-Verlag

Das Bild einer Generation ist so entstanden; einer ruhelosen Generation, einer fragenden. Auch ein Bild des Glaubens hat Fritz gezeichnet, eines Glaubens, der sagt: „Ich erwarte von Gott irgendeine Reaktion. Ich will, dass Gott jetzt etwas sagt.“ Er sagt aber nichts – oder wird nicht gehört? Der Leser erhält Einblicke in eine junge Frau, die eine Gottesbeziehung, aber nicht unbedingt eine Beziehung zur Kirche hat; einer Frau, die schreibt: „Die wenigstens meiner Freunde sind tatsächlich regelmäßig in einer Kirche oder in einer Partei. Aber Leute werden nicht weniger politisch, nur weil sie keiner Partei beitreten. Menschen werden auch nicht weniger glauben, nur weil sie weniger in die Kirche gehen. Sie glauben heute nur anders.“

Man würde hier sicherlich theologische Nachfragen stellen dürfen. Was bleibt, ist aber die Frage, ob Kirche heute noch die richtige Sprache spricht. Wie von Gott sprechen, gerade von einem schweigenden Gott – auch angesichts von Leid und Verzweiflung in der Welt? Man wird nicht alle Positionen der Autorin teilen müssen, um diese drängenden Fragen zu verstehen – noch dazu, wenn sie in einem so eingängigen Stil gestellt werden.

Sophia Fritz: Gott hat mir nie das Du angeboten
Herder 2019, 174 Seiten, EUR 18

Was, wenn Jesus überlebte?

Von Benedikt Bögle

Wer die Auferstehung Jesu von den Toten leugnen will, hat traditionell zwei Möglichkeiten. Entweder hält er am Tod Jesu auf Golgotha fest. Die Erscheinungen des Auferstandenen vor seinen Jüngern sind dann entweder dreiste Lügen oder Hirngespinste, Einbildungen, denen die Jünger irgendwann selbst glaubten. Die zweite Möglichkeit besteht darin, den Tod Jesu am Kreuz zu leugnen. Jesus wäre dann wirklich seinen Jüngern erschienen, nur eben nicht als der Auferstandene, sondern als der Geheilte. Für diese zweite Möglichkeit hat sich der Frankfurter Historiker Johannes Fried nun in seinem neuesten Buch entschieden: „Kein Tod auf Golgotha“, erschienen bei C.H. Beck.

Frieds Grundannahmen

Im Wesentlichen geht Johannes Fried vom folgenden Ablauf der Dinge aus: Die ans Kreuz Geschlagenen ersticken. Durch viele innere Verletzungen bildet sich ein Gemisch aus Blut und Wasser. Es sammelt sich, wie Fried ausführt, „in der Pleurahöle um die Lungenflügel“. Als Folge kann Kohlendioxid nicht mehr ausgeatmet werden. Langfristig würde dies zum Ersticken führen. Zuvor aber fällt der Patient – oder Delinquent – in eine Ohnmacht, die sogenannte „CO2-Narkose“. Überleben kann er nur, wenn man das Serum aus dem Lungenflügel ablässt. Soweit die medizinische Theorie. Übertragen auf Jesus von Nazareth bedeutet das: Er hing am Kreuz und fiel in die genannte Ohnmacht. Der Lanzenstich in seine Seite war nicht Beweis des Todes, sondern der rettende Stich, um das Serum abzulassen. Jesus überlebte – unerkannt; die Ohnmacht musste ihn tot erscheinen lassen. Er wurde begraben. Irgendwer aber musste ja um seine Ohnmacht wissen, sonst wäre Jesus dem Grab nicht entkommen.

Auferstehung und Himmelfahrt

Aus der Auferstehung wird in Frieds Darstellung sodann ein „Aufwachen“. Wie leicht man in der Antike eine solche Verletzung der Lungenflügel überleben konnte, muss wohl dahingestellt bleiben. Für Fried hat sich Jesus jedenfalls wieder so gut erholen können, dass er erst seinen Jüngern erschien und dann Jerusalem verließ. Was das Neue Testament als Himmelfahrt berichtet, sei die Flucht Jesu gewesen. Wohin? Vielleicht, vermutete Fried in überhaupt nicht im Ansatz beweisbaren Hypothesen, nach Ägypten, vielleicht auch in die Dekapolis oder nach Ostsyrien.

© C.H. Beck – Verlag

Die Methode

Der Historiker Fried gibt selbst zu, ein Buch voller Hypothesen geschrieben zu haben. Problematisch aber erscheint die Methode des Historikers, an das Neue Testament heranzugehen. Wo die beinahe gesamte neutestamentliche Wissenschaft das Markusevangelium als ältestes Evangelium angibt, dreht Fried die historische Reihenfolge locker um: Markions Evangelium sei nicht wie vermutet eine Beschneidung der Synoptiker, sondern das ursprüngliche Evangelium. Das sei so vor wenigen Jahren erkannt worden. Diese Einsicht, würde sie sich als wahr erweisen, würde tatsächlich die Bibelwissenschaft auf den Kopf stellen. Johannes Fried kann doch tatsächlich aber nur einen einzigen Beleg für diese angeblich so gesicherte Ansicht vorlegen. Man wird ihm nicht folgen können, ebenso wenig in seiner Tendenz, nur den Passionsbericht des Johannes als historisch gelten zu lassen. Alle Passionsberichte sind theologische Zeugnisse, nicht historische Protokolle. Gleichzeitig orientieren sich alle drei am tatsächlichen Geschehen, nicht nur Johannes.

Man wird Fried auch fragen dürfen: Kann es sein, dass Jesus vor seinem Tod – oder eben dem Scheintod – Jünger um sich scharte und zu einer bedeutenden Person jüdischer Religiosität wurde, nach seinem Tod aber in der Anonymität versank? War es wirklich so einfach, das Kreuz und die anschließenden Tage halbtot im Grab zu überleben? Das Buch von Johannes Fried liest sich als hypothesenschwere Abhandlung, die außer Vermutungen kaum Gesichertes auf ihrer Seite weiß. Positiv: Johannes Fried geht an da Thema ohne Polemik heran. Selbstverständlich ist das nicht. Einen Beweis für das Überleben Jesu bietet er aber nicht.

Johannes Fried: Kein Tod auf Golgotha. Auf der Suche nach dem überlebenden Jesus
C.H. Beck 2019, 188 Seiten, EUR 19,95

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