Der unfehlbare Papst

Von Benedikt Bögle

Als vor 150 Jahren – im Jahr 1870 – das Erste Vatikanische Konzil stattfand, stand ein Themenkomplex im Mittelpunkt der Beratungen wie auch der öffentlichen Wahrnehmung: Die dogmatische Definition der Unfehlbarkeit des Papstes. Umstritten war dabei vieles: Sollte ein solches Dogma überhaupt verkündet werden? War eine Unfehlbarkeit des Papstes biblisch und aus der Tradition heraus zu begründen? Und wenn ja: Ist der Papst aus sich heraus unfehlbar oder nur, wenn und soweit er in Übereinstimmung mit dem Bischofskollegium handelt? Dass sich verschiedene Parteien unter den Konzilsvätern bildeten, ist verständlich. Eine wichtige Rolle nahm dabei auch Papst Pius IX. ein, der Partei für diejenigen Bischöfe ergriff, die heftig für das neue Dogma kämpften.

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Der Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat über diesen Papst nun eine Biographie vorgelegt. Wolf zeichnet dabei ein ambivalentes Bild eines ambivalenten Menschen. Giovanni Mastai Ferretti, der spätere Pius IX., litt unter epileptischen Anfällen. „Eigentlich hätte Mastai Ferretti die geistliche Laufbahn überhaupt nicht einschlagen können“ (S. 310). Zu groß schien die Gefahr, der Priester könnte während der Messfeier einen Anfall erleiden und die gewandelten Gaben von Brot und Wein könnten auf den Boden fallen. Ein Dispens machte die geistliche Laufbahn trotzdem möglich. Wolf meint dazu: „Ob es sich bei diesem Schritt um eine Berufung zum Priestertum oder eher um eine Notlösung handelte, ist umstritten.“ (S. 63) Gleichwohl wurde Mastai Ferretti Priester, Bischof, schließlich Papst. 

Obwohl Mastai Ferretti kein Liberaler oder gar Reformer gewesen sei, wurde er zu einem solchen stilisiert. Gerade die römische Bevölkerung setzte große Hoffnung in ihren neuen Papst und weltlichen Herrscher. „Einen liberalen Papst Pius IX. hat es nie gegeben. Er existierte allenfalls in den Wunschvorstellungen der Reformer, in den Wunschträumen der Kämpfer für die nationale Einigung Italiens und nicht zuletzt in den Texten und Liedern italienischer Dichter.“ (S. 180). Und so erwies sich Pius IX. sowohl politisch als auch theologisch als eher konservative Natur. Als er 1854 die unbefleckte Empfängnis Mariens dogmatisierte, wischte er alle theologischen Bedenken fort und legte einen ersten Grundstein für ein neues Verständnis päpstlicher Unfehlbarkeit. 

Insofern spricht Wolf von einer „Erfindung des Katholizismus“: Ein veränderter Blick auf die Vergangenheit impliziere einen „Einheitskatholizismus vor der Katastrophe von 1789“ (S. 151). In seinem neuen Buch nähert Wolf sich der Person und Bedeutung Pius IX. Er tut dies auf sachliche Art und verzichtet auf viele seiner eher polemischen oder zynischen Formulierungen, die man von Hubert Wolfs Publikationen gewohnt ist. Vielmehr zeichnet Wolf sehr überzeugend das Bild eines Papstes, der von den einen als charismatische Figur gefeiert, von anderen für psychisch krank gehalten wird. Hubert Wolf erliegt der Versuchung eindeutiger Zuordnungen nicht. Er schreibt so weder eine Hagiographie noch eine Verdammung, sondern das sehr lesenswerte Bild eines Menschen, der nicht schwarz war noch weiß, sondern von beiden Farben etwas hatte.

Hubert Wolf: Der Unfehlbare. Pius IX. und die Erfindung des Katholizismus im 19. Jahrhundert. C.H. Beck 2020, 432 Seiten, EUR 28

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