16 Thesen zum Zölibat

Von Benedikt Bögle

Der Zölibat ist innerhalb der katholischen Kirche schon lange nicht mehr unumstritten. Spätestens seit den Vorbereitungen der Amazonassynode hat diese Debatte aber wieder an Fahrt aufgenommen: Die Synodenteilnehmer diskutierten die Frage, ob im extremen Ausnahmefall des Priestermangels im Amazonasgebiet Ausnahmen vom für katholische Priester verpflichtenden Zölibat gemacht werden könnten. Können sogenannte „viri probati“, erprobte Familienväter, zu Priestern geweiht werden? Auch der bekannte Kirchenhistoriker Hubert Wolf hat einen Band zur Frage des katholischen Zölibats vorgelegt: „Zölibat. 16 Thesen“ ist bei C.H. Beck erschienen.

Copyright: C.H. Beck

Der Autor stellt – wie schon der Titel sagt – 16 Thesen vor, sie alle zielen letztlich darauf ab, den für katholische Priester verpflichtenden Zölibat abzuschaffen. Ein großer Teil der Argumente ist historischer Natur; Wolf diskutiert darüber hinaus aber auch andere Aspekte der Fragestellung. Seine 16 Thesen sind:

  • Das Tabu ist gefallen
  • Die Schwiegermutter des Petrus
  • Zölibat ist nicht gleich Zölibat
  • Vorchristliche Ursprünge
  • Jesus war kein Stoiker
  • Ökonomische Wurzeln
  • Flagge zeigen im Glaubensstreit
  • Auch Priester haben Menschenrechte
  • Sprung in andere Sphären
  • Es geht auch ohne Zölibat
  • Immer mehr Ausnahmen
  • Neues zur Sexualität
  • Kein Dogma
  • Gefährliches Versprechen
  • Güterabwägung
  • Das alte System ist am Ende

Viele der Thesen sind nicht neu, vor allem die historische Entwicklung des Zölibats ist mittlerweile vielen Menschen bekannt: Über Jahrhunderte lebten Priester nicht zölibatär – oder zumindest nicht verpflichtend, berichtet Wolf. Er zeigt die ökonomischen und ethischen Grundlagen auf, die schrittweise zu einer Etablierung des Zölibatsgesetzes führten. Dabei geht der Autor aber auch auf neuere Aspekte ein – so würdigt Hubert Wolf etwa die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils zur Sexualität. Im Gegensatz zu vergangenen Jahrhunderten sieht die Kirche Sexualität nicht nur negativ. Das macht natürlich auch die Begründungspflichtigkeit des Zölibats drängender: Wo Sexualität ohnehin als verwerflich erscheint, braucht der Weg der Ehelosigkeit kaum begründet zu werden.

Und trotzdem: Seit Anbeginn der Kirche gab es die Tradition des Zölibats, wenngleich nicht als für alle gleich verpflichtendes Gesetz. Dies scheint der Autor nicht wirklich zu bedenken, ebenso wie die Tatsache, dass die Ehelosigkeit ein evangelischer Rat ist. Man wird dem Autor daher auch nicht in allen Punkten zustimmen müssen, genauso wenig, wie man annehmen wird, die 16 Thesen zum Zölibat hätten abschließenden Charakter. Sicherlich aber kann Wolfs Buch dazu dienen, Debatten anzustoßen – in kleineren Kreisen oder größeren. So darf man diese Thesen in einer langen wissenschaftlichen Tradition sehen: Nicht als letztgültige Antworten, sondern als Fragen, die zur Debatte gestellt werden.

Hubert Wolf: Zölibat. 16 Thesen
C.H. Beck 2019, 190 Seiten, EUR 14,95

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