Frühe Christen – nur Verbrecher?

Von Benedikt Bögle

Das Bild der frühen Christen in den ersten Jahrhunderten wird meist sehr homogen gezeichnet: Gemeinden wachsen, christliches Leben wirkt durch Gleichheit und gelebte Liebe anziehend, die Gläubigen leiden unter den verheerenden Christenverfolgungen. Diesem Bild widerspricht die Autorin Catherine Nixey nun mit Nachdruck: „Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten“ ist in der Deutschen Verlags-Anstalt in deutscher Übersetzung erschienen. Christen werden von Märtyrern zu verbrecherischen Räuberbanden, Kulturzerstörern und Vernichtern einer toleranten Gesellschaft.

War die antike Gesellschaft so tolerant, möchte man einwenden? Gab es denn nicht immer wieder im ganzen römischen Reich Verfolgungen von Christen? Zeichnet sich dadurch eine tolerante Gesellschaft aus? Sei alles nicht so schlimm gewesen, erwidert Nixey. Die Verfolgungswellen seien bei weitem nicht so riesig gewesen, wie antike christliche Quellen es nahelegen. Darin mag man der Autorin sogar zustimmen. Nur: Es gab die Christenverfolgungen eben trotzdem. Nixey zeichnet das Bild geradezu milder Verfolger, die den Christen immer wieder goldene Brücken zu bauen versuchten, sie doch noch zum Opfer an die heidnischen Götter bewegen wollten, um ihren Tod zu verhindern. Nur: Dennoch mussten die Christen sterben, wenn sie sich dem vielleicht sogar gut gemeinten Zureden verweigerten und unter keinen Umständen den Götter Opfer darbringen wollten. Das nennt man religiöse Verfolgung. Und die gab es in der Antike, auch wenn sie nicht in den dramatischen Ausmaßen erfolgt sein sollte, wie es Bücher und Filme wie „Quo vadis“ nahelegen.

Copyright: DVA

Die frühen Christen hätten einen großen Teil der antiken Literatur und Kunst zerstört, schreibt Nixey weiter. Auch hier wird man der Autorin wohl in einem gewissen Maß zustimmen müssen. Dass die Christen der ersten Jahrhunderte nicht immer zimperlich mit den religiösen Stätten des alten Glaubens umgegangen sind, wird nicht immer zu bestreiten sein und ist ein beschämendes und intolerantes Erbe. Und trotzdem erhielt sich ein großer Teil der antiken Literatur gerade durch die Bibliotheken und Schreibwerkstätten der christlichen Klöster.

Wobei – auch die scheinen für Nixey nicht recht viel mehr als Horden von Straßenräubern gewesen zu sein. Nichts ist zu spüren von der Gottsuche dieser Menschen, vom Willen, ein gottgefälliges Leben zu führen. Die Historikerin schafft es, ein schwarz-weißes Bild der frühen Christen zu zeichnen. In vielem hat sie wohl recht und dann ist dieses Erbe für die Christen heute tatsächlich beschämend. In vielem aber vergisst die Autorin das Gute der frühen Christen, das die Verbrechen vielleicht nicht zu rechtfertigen mag, für ein ausgewogenes Bild aber notwendig wäre.

Heiliger Zorn“ bringe Licht in die traurige Geschichte von intellektueller Monokultur und religiöser Intoleranz, urteil The New York Times. The Guardian sieht in Nixeys Buch eine großartige Geschichte, die gut erzählt wird. 2017 wurde das das Buch sogar mehrfach zum „Book of the year“ gekürt – ein Urteil, das kaum zu überzeugen vermag.

Catherine Nixey: Heiliger Zorn. Wie die frühen Christen die Antike zerstörten
Deutsche Verlags-Anstalt 2019, 397 Seiten, EUR 25

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