Der Frieden von Versailles

Von Benedikt Bögle

Vor bald 100 Jahren – am 28. Juni 1919 – wurde in Versailles der nach dem Ort der Unterschrift benannte Vertrag unterzeichnet. Damit sollte wieder Frieden herrschen in Europa, Frieden nach dem großen Ersten Weltkrieg, der so viele Opfer forderte. Die Geschichte lehrt: Von langer Beständigkeit war dieser Frieden nicht. Zwanzig Jahre später nur überzog Hitlers Verbrecherstaat Europa erneut mit einem noch verheerenderen Krieg. Immer wieder gaben Deutsche an, gerade wegen der belastenden, durch den Versailler Vertrag festgesetzten Reparationszahlungen Hitler gewählt zu haben. 100 Jahre nach dem Versailler Vertrag wirft der Historiker Eckart Konze einen vertieften Blick auf den Frieden: „Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt“ ist im Siedler-Verlag erschienen. Conze ist Professor für Neue und Neuere Geschichte an der Universität Marburg. Im vorliegenden Werk beschäftigt er sich eingehend mit den Verhandlungen, Ergebnissen und Nachwirkungen des Versailler Friedens.

Eckart Conze zeigt in seiner Monographie, dass die Friedensverhandlungen von Versailles an den großen Erwartungen eigentlich nur scheitern konnte. Der erste Weltkrieg hatte Europa verheert, nach seinem Ende brachen drei große Weltreiche zusammen: Das Osmanische 1922 und schon zuvor das russische Zaren- und das österreichische Kaiserreich. Diese großen Reiche, bestehend aus verschiedenen Kulturen und Sprachen, sollten in eine neue Ordnung überführt werden – ein Unternehmen, dass sich als schier unmöglich herausstellte. Zudem hatten sich die Völker in den Kolonien Hoffnungen auf nationale Selbstbestimmung gemacht – auch diese Hoffnung wurde letztlich zunichte gemacht .

Copyrigth: Siedler-Verlag

In der deutschen Wahrnehmung wirkt der Frieden von Versailles oft als Aushandlung allein des Friedens der Siegermächte mit Deutschland. Eckart Conze widerspricht: „Es ging um nicht weniger als die Neuordnung der Welt.“ Die Gründe für das Scheitern der von Versailles vorgesehenen neuen Ordnung sind vielfältig; dazu zählt etwa mangelndes Engagement der Amerikaner. Auswirkungen zeitige die Konferenz von Versailles bis heute, so stehe etwa der Konflikt im Nahen Osten auch in Zusammenhang mit der Konferenz, auf der schon die Frage nach einem jüdischen Staat und die Frage nach den Palästinensern Raum hatte. Am Ende des Werkes steht auch eine Warnung: „In Europa – und auch hier meint man Entwicklungen und Konstellationen der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts wiederzuerkennen – gefährden Dynamiken der Renationalisierung, oftmals begleitet von verharmlosenden Tarnvokabeln wie „Selbstbewusstsein“ und „nationales Interesse“, die Gemeinsamkeit und den Zusammenhalt der Europäischen Union.“ Mehr als Bedenkenswert.

Eckart Conze: Die große Illusion. Versailles 1919 und die Neuordnung der Welt
Siedler 2018, 559 Seiten, EUR 30

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