Archäologie als Krimi

Von Benedikt Bögle

Schon die Entdeckung der sogenannten „Himmelsscheibe von Nebra“ gleicht einem Kriminalroman. Hobby-Buddler hatten auf der Suche nach Wertvollem eine Scheibe ergraben; der Gesetzeslage des Landes Sachsen-Anhalt nach gehörte dieser Fund aber nicht den Findern, sondern dem Staat. Über Umwege boten Hehler diese Scheibe schließlich Harald Meller an, dem Direktor des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle an der Saale. Im Rahmen einer Polizeiaktion traf er die Hehler – sie wurden festgenommen, die Himmelsscheibe landete wieder in Sachsen-Anhalt. Es handelt sich bei dieser Scheibe um – ja, was eigentlich? Sterne sind darauf zu sehen, ein zunehmender Halbmond und ein großer goldener Kreis: Sonne oder Vollmond? Diesen Fragen geht nun ein Buch Mellers nach, das er zusammen mit dem Wissenschaftsjournalisten Kai Michael geschrieben hat: „Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas“, erscheinen im Propyläen-Verlag.

© Propyläen-Verlag

Die beiden haben ihr Buch wirklich einem Krimi gleich gestaltet. Die Spannung wächst, immer mehr Rätsel werden aufgeworfen und eine Lösung vorgeschlagen. So sehen die beiden Autoren in der Scheibe einen vorgeschichtlichen Versuch, Sonnen- und Mondkalender in Einklang zu bringen. Dieses Problem stellte immer wieder Kulturen vor ein Rätsel: Beide Kalender scheinen für das Zusammenleben wichtig zu sein. Während die Sonne den Jahresverlauf und damit Jahreszeiten vorgibt, ermöglicht der Mond eine Einteilung in Wochen und Monate. Kongruent sind die beiden Kalender aber nicht. Meller und Michel nun meinen, es handelt sich bei der Himmelsscheibe um eine Anleitung, wann Schaltmonate einzuführen sind, um die beiden verschiedenen Kalender wenigstens annähernd in Übereinstimmung zu bringen. Diese Annahme hat aber eine weitreichende Konsequenz. Das Bedürfnis eines korrekten Kalenders setzt eine weit entwickelte Kultur voraus, in der die Bauern nicht nur nach Gefühl ihre Äcker bestellen, sondern gewisse Verwaltungsstrukturen geschaffen wurden – kurz: Die zur Himmelsscheibe von Nebra gehörende Kultur muss vor 3600 Jahren deutlich weiter entwickelt gewesen sein, als dies bisher angenommen wurde.

Und so entwerfen die beiden Autoren im zweiten Teil ihres Buches eine Vorstellung der Kultur, aus der die Himmelsscheibe von Nebra stammt. Anhand von Hügelgräbern, in denen vermutlich Fürsten beigesetzt waren, zeigen Meller und Michel, dass vor knapp 4.000 Jahren im Herzen Europas ein beständiges Staatswesen durchgesetzt haben musste, in denen nicht mehr einzelne Häuptlinge über nur sehr wenige Generationen die Herrschaft ausübten, sondern ein Fürstenhaus etabliert war, das über mehrere hundert Jahre regieren konnte. Wichtige Elemente der Staatlichkeit seien schon vorhanden gewesen; von einer schriftlichen Kultur einmal abgesehen. Diese Einsicht passt zur Interpretation der Himmelsscheibe: Eine solche Kultur hätte tatsächlich einen funktionierenden Kalender gebraucht – und durch die Himmelsscheibe auch tatsächlich gehabt.

Harald Meller und Kai Michel haben ein großartiges Werk vorgelegt. Voller wissenschaftlicher Details aus der Archäologie und angrenzenden Wissenschaften und dennoch durchgehend schön zu lesen. Die Autoren bauen gekonnt Spannungsbögen und zeichnen ein lebendiges Bild der Welt vor 3.600 Jahren. Dass vieles an ihrer Darstellung hypothesenhaft bleiben muss, ist eine der Wissenschaft vorbehaltene Diskussion. Die Lesefreude an diesem Buch mindert es nicht.

Harald Meller / Kai Michel: Die Himmelsscheibe von Nebra. Der Schlüssel zu einer untergegangenen Kultur im Herzen Europas
Propyläen, 5. Aufl. 2018, 384 Seiten, EUR 25

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