Eine falsche Aussage

Von Benedikt Bögle

Der Plot könnte zu einem modernen Kriminalroman passen: Ein Mann vergewaltigt Frauen. Er beschattet sie über längeren Zeitraum, kennt intime Details. Irgendwann steigt er in das Haus seiner Opfer sein, vergewaltigt sie und verschwindet beinahe spurlos. Könnte der Plot eines Krimis sein, ist aber eine wahre Geschichte, geschehen in den USA vor wenigen Jahren. Zwei amerikanische Journalisten – T. Christian Miller und Ken Armstrong – berichten in ihrem Buch über die Jagd nach dem Serientäter: „Falschaussage. Eine wahre Geschichte“, erschienen im btb-Verlag.

Sie schildern die Schwierigkeiten der Ermittler, die örtlich voneinander entfernten Tatorte in Verbindung zu bringen. Sie erzählen, wie die wenigen Spuren, die der Täter an seinen Tatorten hinterließ, doch noch eine Festnahme ermöglichten. Sie beschreiben beeindruckende Ermittler, die nichts unversucht lassen, um die Serientaten zu stoppen. Eine Erfolgsstory moderner Polizeiarbeit, möchte man meinen. Ist es wohl auch, zumindest in einer Hinsicht. Denn andererseits versteckt sich hinter der wahren Geschichte auch ein wahrer Polizeiskandal. Der Täter, Marc O`Leary, hatte auch Marie vergewaltigt. Marie hatte es in ihrem Leben nicht leicht, wanderte von einer Pflegefamilie zur nächsten, stand aber langsam auf eigenen Beinen.

© btb-Verlag

Sie zeigt die Vergewaltigung an – nur niemand glaubt ihr. Man nötigt sie zum Widerruf und zeigt sie wegen Falschaussage an. Erst als der Täter gestellt ist, kann bewiesen werden, dass auch Marie zu seinen Opfern gehörte; das Mädchen, mittlerweile eine junge Frau, kann rehabilitiert werden. Hinter dem vermeintlichen Einzelfall verbirgt sich ein immer wieder vorkommendes Muster: Vergewaltigungsopfern wird nicht geglaubt. Aufgrund der traumatischen Erlebnisse bringen sie Details durcheinander, widersprechen ihren eigenen Aussagen und erregen der Verdacht, durch die Behauptung einer Vergewaltigung nur Aufmerksamkeit auf sich ziehen zu wollen. Die Ermittler arbeiten dann nicht mehr an der Suche nach dem Täter, sondern suchen Beweise gegen das eigentliche Opfer. Die Untersuchung von Miller und Armstrong legt nahe, dass dieses Muster nicht selten ist – in den USA wenigstens. Ob die Situation in anderen Ländern wirklich besser ist, darf bezweifelt werden. „Falschaussage“ ist ein packendes Buch mit aufrüttelnden Erkenntnissen.

T. Christian Miller / Ken Armstrong: Falschaussage. Eine wahre Geschichte
btb-Verlag 2019, 350 Seiten, EUR 12

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