Jehovas Gefängnis

Von Benedikt Bögle

Oliver Wolschke gehörte seit seiner Kindheit den Zeugen Jehovas in Berlin an. Nach der Trennung seiner Eltern beschäftigte sich seine Mutter mit den Zeugen, wurde irgendwann gemeinsam mit ihrem Sohn Mitglied der Religionsgemeinschaft. Wolschke ist mittlerweile keine Zeuge mehr, in einem Buch berichtet er über seine Zeit innerhalb der Religionsgemeinschaft, den Weg heraus und sein neues Leben: „Jehovas Gefängnis. Mein Leben bei den Zeugen Jehovas und wie ich es schaffte, auszubrechen“, erschienen bei Riva. Oliver Wolschke ermöglicht einen Einblick in die Gemeinschaft, schildert ihre Strukturen und die wesentlichen Glaubensinhalte. Die Zeugen Jehovas sind der Überzeugung, das Ende der Welt stehe kurz bevor. Auf sie wartet das Paradies, während die restliche Menschheit der Verdammnis Gottes anheim fallen wird.

Wolschke berichtet über Kindheit und Jugend ohne Geburtstag, Weihnachten und Silvester – dafür mit regelmäßigen Hausbesuchen bei Fremden. So recht behagt hat es ihm nie, an fremden Türen zu klingeln. Musste er aber: „Jeden Monat erwartet man von dir, das du deinen Bericht abgibst. Gehst du einen Monat nicht in den Predigtdienst, zählst du als Untätiger und wirst in den Mitgliederzahlen nicht mehr aufgeführt.“ Überhaupt kann Fehlverhalten zu gravierenden Konseqeunzen führen: Als Wolschke unverheiratet mit seiner späteren Frau zusammenlebte, wurde er gleich ganz aus der Religionsgemeinschaft ausgeschlossen. Ein erstes Mal erlebte er die strikte Missachtung, mit der er von den anderen Zeugen – guten Freunden teilweise – gestraft wurde. Kein Kontakt mit dem „Abtrünnigen“.

Der Autor berichtet über diese schwere Zeit und davon, dass seine Ehefrau sich für die Zeugen Jehovas interessierte. Wolschke wurde wieder Mitglied, seine Ehefrau gleich mit ihm. Er berichtet vom abgeschlossenen System der Zeugen Jehovas, das er nicht nur mit eigener Erfahrung, sondern auch mit vielen Zitaten aus dem Wachtturm untermauern kann. Etwa: „Ein gewisser Kontakt zu Ungläubigen – etwa in der Schule, am Arbeitsplatz oder im Predigtdienst – ist unumgänglich. Aber etwas ganz anderes ist es, geselligen Umgang mit ihnen zu haben oder sogar enge Freundschaften aufzubauen.“ (Wachtturm, 15. Februar 2013, Seite 24)

© Riva-Verlag

Irgendwann kamen die Zweifel auf. Was würde Wolschke tun, wenn einer seiner beiden Söhne einmal eine Bluttransfusion brauchen würde? Dem Glauben der Zeugen Jehovas gemäß ablehnen und den Tod des Sohnes in Kauf nehmen? Was geschah bei der Sintflut mit den Kindern – hat Gott die bewusst sterben lassen? Wolschke beschäftigte sich mit Berichten von Aussteigern und stieß auf immer mehr Widersprüche innerhalb des Zeugen-Weltbildes. Er beschloss, der Gemeinschaft den Rücken zu kehren. Seine Frau begleitete ihn auf diesem Weg.

Schlagartig verlor die Familie alle Kontakte zu ihren Freunden. Sogar Wolschkes Mutter – Zeugin Jehovas – spricht nicht mehr mit ihm. Der Ausstieg aus der Sekte führt zum vollständigen Abbruch aller sozialen Kontakte. Heute kann Wolschke über diese Zeit berichten. Er engagiert sich nicht nur mit seinem Buch für Aufklärung, sondern auch auf seinem Blog www.oliverwolschke.de.
Sein Bericht nimmt mit. Auffällig ist vor allem die Haltung Wolschkes zu seinen ehemaligen Freunden und Kollegen. Man spürt keine Verbitterung über ihr Verhalten, der Autor bemüht sich vielmehr, ihre Beweggründe zu verstehen und zu schildern. Daraus ist ein höchst lesenswertes Buch über Zwang und Bedrängung, Überwachung und Biblizismus geworden.

Oliver Wolschke: Jehovas Gefängnis. Mein Leben bei den Zeugen Jehovas und wie ich es schaffte, auszubrechen
Riva 2018, 252 Seiten, EUR 19,99

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